1999-04-09 Weltbild Magazin: Einsatz in Manhattan
From ForensicWiki
Einsatz in Manhattan
Mark Benecke aus Köln ist einer der besten Rechtsmediziner*
der Welt. Sein Spezialgebiet: Maden auf Leichen. Der 28jährige arbeitet heute in New York.
Ein Portrait über einen Experten für Mysteriöses und Ekliges.
Aus: Weltbild Magazin Nr. 7/1999 (9. April 1999), Seite 14-19. KEINE GEWÄHR FÜR DEN INHALT DES ARTIKELS.
Die duften Fotos von Martin Schöller (New York) gibt es nur im Originalheft oder ansatzweise hier als jpg (click
for a pic):
Seiten 1,
2, 3,
4, 5,
6.
[Der Herr der Maden in New York (Lisa Ortgies/max)]
Es wäre unfair, am Beginn einer Geschichte nicht darauf hinzuweisen, daß es eklig werden kann. Ausgesprochen eklig sogar. Zumindest für unsereins.
Zwei Tage mit ihm, und man kann sich nicht vorstellen, jemals wieder Fleisch zu essen oder keinen Panikanfall zu bekommen, wenn man barfuß
auf einen Regenwurm tritt. "Was ist schon Ekel?" sagt er dagegen. "Sind Maden etwa eklig?" Finden wir schon. "Och nöö, das sind doch
niedliche Tiere", meint er und grinst. Meine Güte! "Hundert fette Maden auf einer Faulleiche, was will man mehr?" Himmel! Dann erklärt er, daß Maden doch
nichts anders seien als Fliegen, die noch nicht geschlüpft sind. Naja, mag schon sein.
Foto: Benecke mit dem Fahrrad auf dem New Yorker Broadway (l.) und im Kühlraum des rechtsmedizinischen Instituts.
Foto: Mark Benecke in seiner Wohung mit einem abgetrennten Bein: "Das ist aus Gummi", beruhigt er.
Es ist vielleicht besser, man nähert sich diesem Menschen und seiner Tätigkeit auf wissenschaftlicher Ebene. Und erstmal nicht an seinem Arbeitsplatz,
sondern in einem Cafe in New York. Mark Benecke ist 28 und Doctor rerum medicinalium. Aufgewachsen in Bayern, Studium in Köln, heute Mitarbeiter des
rechtsmedizinischen Instituts in New York. New York deshalbb, weil New York ihn vorletztes Jahr unbedingt haben wollte. Die zuständige Behörde machte
ihm ein Angebot -- und hat ihn bekommen. Nicht, daß es in New York zu wenig Rechtsmediziner gäbe, es gibt nur keine solchen wie Mark Benecke. Solche wie Mark
Benecke findet man sogar in der ganzen USA nicht, denn Mark Benecke ist ein Unikum. Vielleicht ist er sogar ein Genie.
Aber das will er nicht so gern hören. Lieber hat er es, wenn man einfach sagt, er sei "jemand, der was kann, was andere nicht können."
Er trinkt Kaffee mit Milch und tunkt Kekse ein. Wie um alles in der Welt kann ein Mensch afugeweichte, schlabbrige Kekse essen, wenn er noch zwei Stunden
zuvor in der Nase einer zwei Wochen alten Leiche eines Junkies nach einer Made gepopelt hat? Aber lassen wir das. Jedenfalls ist Mark Benecke ein
weltweit gefragter Experte für mysteriöse Todesfälle. Sein Spezialgebiet ist es, die Leigedauer einer Leiche zu ermitteln, indem er den Zustand und das Stadium der
Maden untersucht, die sich auf ihr niedergelassen haben. Für den Kriminologen eine höchst aufschlußreiche Information, und so mancher
Verbrecher hat es Mark Benecke zu verdanken, daß er sein Dasein hinter Gitter fristet. Ihm, seiner Spitzfindigkeit und den Maden.
Fotos: In einer polnischen Metzgerei (l.) kauft Mark Benecke eine Leber, mit der er im Labor Maden am Leben erhält. "Lebern", sagt er, "schmecken ihnen am besten."
Made ist nicht gleich Made. Um das Tier zu identifizieren, muß der Biologe die Mundwerkezuge entfernen. Das sei so, als wolle man ein Ei mit einem Bagger köpfen.
Erst am Vortag hat sich so ein Fall ereignet: Im Stadtteil Harlem, haben die Cops eine halbverweste Frauenleiche gefunden. Offensichtlich ein Mord.
"Wann waren Sie zuletzt in der Wohnung?", fragten die Polizisten den Lebensgefährten der Toten. "Vor einem Monat", antwortete er. "Hat sonst jemand einen
Schlüssel?" -- "Nein." -- Mark Benecke wird gerufen. In einem Reagenzglas stellt er sechs Maden sicher. Später, in seinem Labor, findet er heraus, daß
die Eier dieser Maden vor exakt zwölf Tagen gelegt wurden. "Jemand muß vor zwölf Tagen die Tür geöffnet haben", schreibt Mark Benecke in seinem Bericht.
"So gelangte eine Fliege in das Zimmer und legte ihre Eier auf der Leiche ab. Vorher war das Zimmer fliegenfrei." An der Sache ist also etwas faul. Die Leiche
hatte Besuch. Der Lebensgefährte kommt in Untersuchungshaft.
Es war kurz vor zwei Uhr nachts, als Benecke diesen Fall gelöst hat. Er, ganz allein im sechsten Stock des rechtsmdizinischen Gebäudes in der achte
Straße. Mark Benecke hält sich nie an die normalen Bürozeiten, und daß er 24 Stunden am Tag Zutritt zu seinem Labor und zu seinen Fällen hat,
ist Bestandteil seines Vertrages. "Kein überzeugter Wissenschaftler schaut bei der Arbeit auf die Uhr", sagt er, "das wäre ja so, als würde man bei einem Krimi
an der spannendsten Stelle abschalten." Zwei Uhr nachts, findet er, sei eine durchaus angenehme Zeit zum Arbeiten. Endlich ist Ruhe. Nur er ist da,
die Toten, und das einzige Licht ist das an seinem Mikroskop.
Manchmal hört man das blecherne Scheppern einer Metalltüre ein Stockwerk tiefer, dann nämlich, wenn eine neue Leiche gebracht wird. "Mensch gewöhnt sich
an diesen Ort, an die Arbeit, an den Geruch." Angst kennt Mark Benecke offenbar ebenso wenig wie Ekel. Ganz im Gegenteill: Je ekliger ein Fall, desto interessanter sei er.
Sicher, am Anfang, als er noch in Köln war, habe es durchaus Nächte gegeben, in denen er schlecht schlief, in denen er Alpträume hatte und in denen er sich wünschte,
irgendwann ein ganz normaler Biologe zu sein.
Aber heute, meint er, sei das vorbei, und überhaupt sei doch das Widerlichste auf der Welt ein Leberwurstbrot. Mark Benecke haßt Leberwurstbrote. Und Leute, die
im Restaurant Calamari essen, sind ihm in gewisser Weise auch suspekt. Während seines Studiums hat er ein Vierteljahr übber Tintenfische geforscht
und herausgefunden, daß diese Tiere durchaus in der Lage sind, zärtlich miteinander umzugehen oder auch beleidigt zu sein. "Wie man die nur so lieblos
aufessen kann?" fragt sich der Biologe. Andererseits hat er keine Probleme, auch in Gegenwart mehrerer halbverwester Leichen in ein saftiges
Sandwich zu beißen. "Wir Menschen müssen lernen, mit dem Tod umzugehen", sagt er. "Wir wissen ganz genau, daß das Leben aus Kommen und Gehen besteht.
Doch darüber will niemand reden." Vermutlich ist es doppelt schwerr, mit Mark Benecke über den Tod zu reden, weil Tote für ihn etwas anders sind als für gewöhnlcihe
Manschen: ein faszinierendes Biotop, Indizienmaterial, Sprossen auf der Karriereleiter. Einem Mark Benecke ist es egal, ob jemand seinetwegen verurteilt
wird. Er möchte nur, daß seine Arbeit und sein Wissen anerkannt werden, daß man ihm zuhört, daß man ihn ernst nimmt. Mit dem amerikanischen Rechtssystem
hat er da so seine Probleme."Das Theater mit den Geschworenen ist doch alles nur eine Show", sagt er, "wissenschaftlich erarbeitete Beiweise zählen kaum."
Einmal habe ein Verteidiger gefragt, was gewesen wäre, wenn über die Maden ein Eimer Salzwasser gegossen worden wäre. "Keine Ahnung", hat er ihm geantwortet,
"Ihre Frage ist hypothetisch."
Foto: Kochbücher mit Insektenrezepten sind der neue Renner in den USA. Mark Benecke bekam schon fünf geschenkt. Unsinnig: "Ich eß doch meine Helfer nicht."
Sein größtes Publikum hatte er 1997. Benecke war gerade in New York angekommen, als in Braunschweig der Prozeß gegen den Pastor Klaus Geyer anlief.
Richter und Gutachter gingen damals der alles entscheidenden Frage nach, ob die Frau des Seelsorgers am Freitag oder Samstag erschlagen worden war.
Als sie nicht mehr weiterwußten, schickte das Auswärtige Amt eine Maschine der Luftwaffe nach New York. An Bord: ein Kurier mit einem Reagenzglas
voller Maden. Mark Benecke machte sich an die Arbeit. Er trennte die Mundwerkzeuge von den Tieren ab, um den Typ zu bestimmen, untersuchte
ihren Mageninhalt, bestimmte ihr exaktes Alter. Auch da arbeitete er meistens nachts, weil es dann in Deutschland Tag war und es mit den dortigen Behörden
ständig Dinge abzuklären gab: Wo wurde die Leiche gefunden? Wie lag sie? Wo wurden die Maden sichergestellt? Wer hat Wetteraufzeichungen
von der Fundstelle? Als für Mark Benecke der Fall klar war, flog er nach Deutschland und sagte aus.
Wenige Wochen später wurde Pastor Geyer zu acht Jahren Haft verurteilt. Eher zufällig hat Mark Benecke davon erfahren, denn er schuat nie fern, hört nie Radio und
liest nie Zeitungen. Wenn er sich einmal ein paar Stunden Freizeit gönnt, dann sitzt er auf den Stufen vor seiner Wohnung im East Village,
beobachtet das Treiben auf der Straße und sieht, wie die Leute kommen und gehen. Viele kommen ganz normal und gehen zigmal durchlöchert wieder nach Hause.
"Manche lassen sich sogar mit einem Skalpell die Zunge spalten", erzählt Benecke, und zum ersten Mal hat man das Gefühl, daß ein Hauch von Abscheu
über sein Gesicht huscht. Freunde hat er nicht in New York, höchstens ein paar Bekannte. "Forscher können ziemlich gut mit sich selber umgehen", meint er.
Benecke hat auch keine Hobbys, jedenfalls keine, die andere Leute auch haben. Denken, sagt er, mache ihm großen Spaß. Meinstens, wenn er
wieder einmal auf seinen Stufen sitzt, denkt er über das ewige Leben nach, darüber, ob der Mensch unsterblich sein kann, ob man ihn klonen darf
und warum die Natur den Tod erfand. "Das ist doch viel interessanter als Tennisspielen gehen oder fernsehen", sagt er. Sie interessant, daß er
seine Denkprozesse inzwischen in einem Buch veröffentlicht hat (Mark Benecke: Der Traum vom Ewigen Leben).
"Das Leben ist ein einzige Selbstzweck -- aber der wundervollste, den wir kennen", schreibt er darin. "Sein Programm lautet Anpassung, Ausdehnung und
Vervielfältigung". In der Welt des Mark Benecke sind die Verantwortlichen in diesem Prozeß die Insekten. Insekten ziehen Nutzen aus dem Tod, Insekten
schaffen neues Leben, Insekten sind seinen beruflichen Assistenten. "Sie helfen mir, ohne daß ich sie bitten muß", meint er, "das sind doch wundervolle
Tiere." Wenn er im Labor eine Maden töten muß, dann macht er das mit Alkohol, weil das eine schnelle und schmerzfreie Methode sei. Niemals käme
er auf die Idee, eine Fliege totzuschlagen, selbst wenn sie noch so nervt. "Wer sagt denn, daß Fliegen nicht intelligent sind?"
Seine Augen kleben am Mikroskop. Während er vorsichtig den magen einer Made freilegt, versucht er, die Sache zu erklären. "Nehmen wir mal an, Sie
fallen jetzt tot um und liegen hier auf dem Boden." Er öffnet einen Glasbehälter, in dem eine Fliege sitzt, und läßt sie frei. Sie sucht sofort das Weite und
landet am anderen Ende des Raumes an der Decke. "So. Wie lange würde es dauern, bis diese Goldfliege weiß, daß Sie tot sind?" -- "Kann Sie das überhaupt wissen?" -- "Und ob. Sie wüßte es
nach spätestens 15 Minuten. Um sich ganz sicher zu sein, würde sie auf Ihren Augen landen, weil das nur von Toten toleriert wird. Danach würde
sie 300 Eier ablegen, aus denen 300 Maden schlüpfen, die sich wiederum an Ihnen sattfressen würden. Ist dieses Tier nicht superschlau?"
Fotos: Lieblingsplatz im Yaffa Cafe, NY.
Lieblingstreppe in East Village, NY
Der Bote des rechtsmedizinischen Instituts kommt ins Labor und legt auf Beneckes Schreibtisch wortlos eine Plastiktüte ab, in der sich ein Damenslip
befindet. Im Begleitschreiben bittet die Staatsanwaltschaft, das
Kleidungsstück auf männliche Samenspuren zu untersuchen. Zwei Studen später kommt der Bote erneut und bringt ein T-Shirt mit Blutspritzern.
Mark Benecke soll herausfinden, ob das Blut von der Person stammt, die das T-Shirt getragen hat. Ein Routinejob in der Rechtsmedizin. Er wird
wieder die halbe Nacht mit diesem Blut beschäftigt sein, mit dem verdammten Blut von irgendwelchen Menschen aus New York. Das langweilt Mark Benecke
manchmal, weil er lieber mit Maden zu tun hat, und er träumt davon, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Am liebsten nach Köln,
weil er die Kölner Insektenwelt am besten kennt. Oder auf die Philippinen. Von dort liegt ihm ein außerordentlich gutes Angebot vor. Außerdem gibt
es da viele Leichen und viele Fliegen.
* gemeint ist: Kriminalbiologe
Mark Benecke, Ph.D., Certified & Sworn In Forensic Biologist, International Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, 50520 Cologne, Germany; E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com, Text / SMS only +49-173-287-3136.
[Der Herr der Maden in New York (Lisa Ortgies/max)]
Es wäre unfair, am Beginn einer Geschichte nicht darauf hinzuweisen, daß es eklig werden kann. Ausgesprochen eklig sogar. Zumindest für unsereins.
Zwei Tage mit ihm, und man kann sich nicht vorstellen, jemals wieder Fleisch zu essen oder keinen Panikanfall zu bekommen, wenn man barfuß
auf einen Regenwurm tritt. "Was ist schon Ekel?" sagt er dagegen. "Sind Maden etwa eklig?" Finden wir schon. "Och nöö, das sind doch
niedliche Tiere", meint er und grinst. Meine Güte! "Hundert fette Maden auf einer Faulleiche, was will man mehr?" Himmel! Dann erklärt er, daß Maden doch
nichts anders seien als Fliegen, die noch nicht geschlüpft sind. Naja, mag schon sein.
Foto: Benecke mit dem Fahrrad auf dem New Yorker Broadway (l.) und im Kühlraum des rechtsmedizinischen Instituts.
Foto: Mark Benecke in seiner Wohung mit einem abgetrennten Bein: "Das ist aus Gummi", beruhigt er.
Es ist vielleicht besser, man nähert sich diesem Menschen und seiner Tätigkeit auf wissenschaftlicher Ebene. Und erstmal nicht an seinem Arbeitsplatz,
sondern in einem Cafe in New York. Mark Benecke ist 28 und Doctor rerum medicinalium. Aufgewachsen in Bayern, Studium in Köln, heute Mitarbeiter des
rechtsmedizinischen Instituts in New York. New York deshalbb, weil New York ihn vorletztes Jahr unbedingt haben wollte. Die zuständige Behörde machte
ihm ein Angebot -- und hat ihn bekommen. Nicht, daß es in New York zu wenig Rechtsmediziner gäbe, es gibt nur keine solchen wie Mark Benecke. Solche wie Mark
Benecke findet man sogar in der ganzen USA nicht, denn Mark Benecke ist ein Unikum. Vielleicht ist er sogar ein Genie.
Aber das will er nicht so gern hören. Lieber hat er es, wenn man einfach sagt, er sei "jemand, der was kann, was andere nicht können."
Er trinkt Kaffee mit Milch und tunkt Kekse ein. Wie um alles in der Welt kann ein Mensch afugeweichte, schlabbrige Kekse essen, wenn er noch zwei Stunden
zuvor in der Nase einer zwei Wochen alten Leiche eines Junkies nach einer Made gepopelt hat? Aber lassen wir das. Jedenfalls ist Mark Benecke ein
weltweit gefragter Experte für mysteriöse Todesfälle. Sein Spezialgebiet ist es, die Leigedauer einer Leiche zu ermitteln, indem er den Zustand und das Stadium der
Maden untersucht, die sich auf ihr niedergelassen haben. Für den Kriminologen eine höchst aufschlußreiche Information, und so mancher
Verbrecher hat es Mark Benecke zu verdanken, daß er sein Dasein hinter Gitter fristet. Ihm, seiner Spitzfindigkeit und den Maden.
Fotos: In einer polnischen Metzgerei (l.) kauft Mark Benecke eine Leber, mit der er im Labor Maden am Leben erhält. "Lebern", sagt er, "schmecken ihnen am besten."
Made ist nicht gleich Made. Um das Tier zu identifizieren, muß der Biologe die Mundwerkezuge entfernen. Das sei so, als wolle man ein Ei mit einem Bagger köpfen.
Erst am Vortag hat sich so ein Fall ereignet: Im Stadtteil Harlem, haben die Cops eine halbverweste Frauenleiche gefunden. Offensichtlich ein Mord.
"Wann waren Sie zuletzt in der Wohnung?", fragten die Polizisten den Lebensgefährten der Toten. "Vor einem Monat", antwortete er. "Hat sonst jemand einen
Schlüssel?" -- "Nein." -- Mark Benecke wird gerufen. In einem Reagenzglas stellt er sechs Maden sicher. Später, in seinem Labor, findet er heraus, daß
die Eier dieser Maden vor exakt zwölf Tagen gelegt wurden. "Jemand muß vor zwölf Tagen die Tür geöffnet haben", schreibt Mark Benecke in seinem Bericht.
"So gelangte eine Fliege in das Zimmer und legte ihre Eier auf der Leiche ab. Vorher war das Zimmer fliegenfrei." An der Sache ist also etwas faul. Die Leiche
hatte Besuch. Der Lebensgefährte kommt in Untersuchungshaft.
Es war kurz vor zwei Uhr nachts, als Benecke diesen Fall gelöst hat. Er, ganz allein im sechsten Stock des rechtsmdizinischen Gebäudes in der achte
Straße. Mark Benecke hält sich nie an die normalen Bürozeiten, und daß er 24 Stunden am Tag Zutritt zu seinem Labor und zu seinen Fällen hat,
ist Bestandteil seines Vertrages. "Kein überzeugter Wissenschaftler schaut bei der Arbeit auf die Uhr", sagt er, "das wäre ja so, als würde man bei einem Krimi
an der spannendsten Stelle abschalten." Zwei Uhr nachts, findet er, sei eine durchaus angenehme Zeit zum Arbeiten. Endlich ist Ruhe. Nur er ist da,
die Toten, und das einzige Licht ist das an seinem Mikroskop.
Manchmal hört man das blecherne Scheppern einer Metalltüre ein Stockwerk tiefer, dann nämlich, wenn eine neue Leiche gebracht wird. "Mensch gewöhnt sich
an diesen Ort, an die Arbeit, an den Geruch." Angst kennt Mark Benecke offenbar ebenso wenig wie Ekel. Ganz im Gegenteill: Je ekliger ein Fall, desto interessanter sei er.
Sicher, am Anfang, als er noch in Köln war, habe es durchaus Nächte gegeben, in denen er schlecht schlief, in denen er Alpträume hatte und in denen er sich wünschte,
irgendwann ein ganz normaler Biologe zu sein.
Aber heute, meint er, sei das vorbei, und überhaupt sei doch das Widerlichste auf der Welt ein Leberwurstbrot. Mark Benecke haßt Leberwurstbrote. Und Leute, die
im Restaurant Calamari essen, sind ihm in gewisser Weise auch suspekt. Während seines Studiums hat er ein Vierteljahr übber Tintenfische geforscht
und herausgefunden, daß diese Tiere durchaus in der Lage sind, zärtlich miteinander umzugehen oder auch beleidigt zu sein. "Wie man die nur so lieblos
aufessen kann?" fragt sich der Biologe. Andererseits hat er keine Probleme, auch in Gegenwart mehrerer halbverwester Leichen in ein saftiges
Sandwich zu beißen. "Wir Menschen müssen lernen, mit dem Tod umzugehen", sagt er. "Wir wissen ganz genau, daß das Leben aus Kommen und Gehen besteht.
Doch darüber will niemand reden." Vermutlich ist es doppelt schwerr, mit Mark Benecke über den Tod zu reden, weil Tote für ihn etwas anders sind als für gewöhnlcihe
Manschen: ein faszinierendes Biotop, Indizienmaterial, Sprossen auf der Karriereleiter. Einem Mark Benecke ist es egal, ob jemand seinetwegen verurteilt
wird. Er möchte nur, daß seine Arbeit und sein Wissen anerkannt werden, daß man ihm zuhört, daß man ihn ernst nimmt. Mit dem amerikanischen Rechtssystem
hat er da so seine Probleme."Das Theater mit den Geschworenen ist doch alles nur eine Show", sagt er, "wissenschaftlich erarbeitete Beiweise zählen kaum."
Einmal habe ein Verteidiger gefragt, was gewesen wäre, wenn über die Maden ein Eimer Salzwasser gegossen worden wäre. "Keine Ahnung", hat er ihm geantwortet,
"Ihre Frage ist hypothetisch."
Foto: Kochbücher mit Insektenrezepten sind der neue Renner in den USA. Mark Benecke bekam schon fünf geschenkt. Unsinnig: "Ich eß doch meine Helfer nicht."
Sein größtes Publikum hatte er 1997. Benecke war gerade in New York angekommen, als in Braunschweig der Prozeß gegen den Pastor Klaus Geyer anlief.
Richter und Gutachter gingen damals der alles entscheidenden Frage nach, ob die Frau des Seelsorgers am Freitag oder Samstag erschlagen worden war.
Als sie nicht mehr weiterwußten, schickte das Auswärtige Amt eine Maschine der Luftwaffe nach New York. An Bord: ein Kurier mit einem Reagenzglas
voller Maden. Mark Benecke machte sich an die Arbeit. Er trennte die Mundwerkzeuge von den Tieren ab, um den Typ zu bestimmen, untersuchte
ihren Mageninhalt, bestimmte ihr exaktes Alter. Auch da arbeitete er meistens nachts, weil es dann in Deutschland Tag war und es mit den dortigen Behörden
ständig Dinge abzuklären gab: Wo wurde die Leiche gefunden? Wie lag sie? Wo wurden die Maden sichergestellt? Wer hat Wetteraufzeichungen
von der Fundstelle? Als für Mark Benecke der Fall klar war, flog er nach Deutschland und sagte aus.
Wenige Wochen später wurde Pastor Geyer zu acht Jahren Haft verurteilt. Eher zufällig hat Mark Benecke davon erfahren, denn er schuat nie fern, hört nie Radio und
liest nie Zeitungen. Wenn er sich einmal ein paar Stunden Freizeit gönnt, dann sitzt er auf den Stufen vor seiner Wohnung im East Village,
beobachtet das Treiben auf der Straße und sieht, wie die Leute kommen und gehen. Viele kommen ganz normal und gehen zigmal durchlöchert wieder nach Hause.
"Manche lassen sich sogar mit einem Skalpell die Zunge spalten", erzählt Benecke, und zum ersten Mal hat man das Gefühl, daß ein Hauch von Abscheu
über sein Gesicht huscht. Freunde hat er nicht in New York, höchstens ein paar Bekannte. "Forscher können ziemlich gut mit sich selber umgehen", meint er.
Benecke hat auch keine Hobbys, jedenfalls keine, die andere Leute auch haben. Denken, sagt er, mache ihm großen Spaß. Meinstens, wenn er
wieder einmal auf seinen Stufen sitzt, denkt er über das ewige Leben nach, darüber, ob der Mensch unsterblich sein kann, ob man ihn klonen darf
und warum die Natur den Tod erfand. "Das ist doch viel interessanter als Tennisspielen gehen oder fernsehen", sagt er. Sie interessant, daß er
seine Denkprozesse inzwischen in einem Buch veröffentlicht hat (Mark Benecke: Der Traum vom Ewigen Leben).
"Das Leben ist ein einzige Selbstzweck -- aber der wundervollste, den wir kennen", schreibt er darin. "Sein Programm lautet Anpassung, Ausdehnung und
Vervielfältigung". In der Welt des Mark Benecke sind die Verantwortlichen in diesem Prozeß die Insekten. Insekten ziehen Nutzen aus dem Tod, Insekten
schaffen neues Leben, Insekten sind seinen beruflichen Assistenten. "Sie helfen mir, ohne daß ich sie bitten muß", meint er, "das sind doch wundervolle
Tiere." Wenn er im Labor eine Maden töten muß, dann macht er das mit Alkohol, weil das eine schnelle und schmerzfreie Methode sei. Niemals käme
er auf die Idee, eine Fliege totzuschlagen, selbst wenn sie noch so nervt. "Wer sagt denn, daß Fliegen nicht intelligent sind?"
Seine Augen kleben am Mikroskop. Während er vorsichtig den magen einer Made freilegt, versucht er, die Sache zu erklären. "Nehmen wir mal an, Sie
fallen jetzt tot um und liegen hier auf dem Boden." Er öffnet einen Glasbehälter, in dem eine Fliege sitzt, und läßt sie frei. Sie sucht sofort das Weite und
landet am anderen Ende des Raumes an der Decke. "So. Wie lange würde es dauern, bis diese Goldfliege weiß, daß Sie tot sind?" -- "Kann Sie das überhaupt wissen?" -- "Und ob. Sie wüßte es
nach spätestens 15 Minuten. Um sich ganz sicher zu sein, würde sie auf Ihren Augen landen, weil das nur von Toten toleriert wird. Danach würde
sie 300 Eier ablegen, aus denen 300 Maden schlüpfen, die sich wiederum an Ihnen sattfressen würden. Ist dieses Tier nicht superschlau?"
Fotos: Lieblingsplatz im Yaffa Cafe, NY.
Lieblingstreppe in East Village, NY
Der Bote des rechtsmedizinischen Instituts kommt ins Labor und legt auf Beneckes Schreibtisch wortlos eine Plastiktüte ab, in der sich ein Damenslip
befindet. Im Begleitschreiben bittet die Staatsanwaltschaft, das
Kleidungsstück auf männliche Samenspuren zu untersuchen. Zwei Studen später kommt der Bote erneut und bringt ein T-Shirt mit Blutspritzern.
Mark Benecke soll herausfinden, ob das Blut von der Person stammt, die das T-Shirt getragen hat. Ein Routinejob in der Rechtsmedizin. Er wird
wieder die halbe Nacht mit diesem Blut beschäftigt sein, mit dem verdammten Blut von irgendwelchen Menschen aus New York. Das langweilt Mark Benecke
manchmal, weil er lieber mit Maden zu tun hat, und er träumt davon, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Am liebsten nach Köln,
weil er die Kölner Insektenwelt am besten kennt. Oder auf die Philippinen. Von dort liegt ihm ein außerordentlich gutes Angebot vor. Außerdem gibt
es da viele Leichen und viele Fliegen.
* gemeint ist: Kriminalbiologe
Mark Benecke, Ph.D., Certified & Sworn In Forensic Biologist, International Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, 50520 Cologne, Germany; E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com, Text / SMS only +49-173-287-3136.