2004-12-31 SZ: Gut erfunden ist fast schon wahr

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Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 304, 31. Dezember 2004, Seite 13 (Wissen)

Gut erfunden ist fast schon wahr

Urbane Legenden, die im Internet einen idealen Nährboden finden, transportieren meist Vorurteile und uralte Ängste

Von Philip Wolff

Weitere Legenden-Themen: Spontane Selbstentzündung (SHC) (National Geographic) / Snuff-Filme (Archiv für Kriminologie) / Insekten in der Haut ("Insekten-Wahn") (Die Zeit) / Vampire & Leichen (National Geographic) / Blutwunder von Neapel (San Gennaro) (Skeptiker/ZDF) / Affenmann von Delhi (Süddeutsche Zeitung) / Magnetische Berge / Schlachtung in gegenseitigem Einvernehmen (Meiwes/Brandes) (Kriminalistik)

Click to enlarge Es war ein dummer Unfall im tiefsten australischen Outback. Ausgerechnet hier, fernab der Zivilisation, springt einem deutschen Urlauberpärchen doch neulich ein Känguru vor den Jeep. Es prallt gegen die Stoßstange und bricht zusammen. Als die Urlauber erleichtert feststellen, dass das bewusstlose Tier offenbar unverletzt geblieben ist, rächen sie sich für den Schreck mit einem Streich: Sie setzen das Känguru auf die Kühlerhaube, ziehen ihm Jacke, einen Hut und eine Sonnenbrille an und schießen Fotos. Da erwacht das Tier plötzlich aus seiner Umnachtung und springt mit weiten Sätzen davon - als Tourist verkleidet, mit Geldbörse, Flugtickets und Autoschlüsseln in der Jackentasche.

So kann es kommen in einer modernen Legende, einer oft moralischen, kleinen Geschichte, pointiert, überraschend, manchmal erschreckend - allerdings nicht immer so harmlos. Denn die zurzeit gefragteste Form urbaner Legenden hört sich an wie eine seriöse Nachricht: Deodorant verursacht Brustkrebs. Bandwurmeier verseuchen Dönerfleisch. Terroristen ersteigern Paketdienst-Uniformen im Internet. In solchen Fällen seien die Geschichten gefährlich, warnen Wissenschaftler. Denn je glaubwürdiger und zugleich erschreckender ihr Inhalt, desto eifriger werden sie gelesen und verbreitet - und desto größeren Schaden können sie bei Firmen oder Bevölkerungsgruppen anrichten, die sie denunzieren.

Das Känguru zählt zu einer vom Aussterben bedrohten Legendenfigur. Der Sozialpsychologe Chip Heath von der kalifornischen Stanford-Universität hat die Erfolgs-Zutaten neuester Mythen untersucht und bezeichnet die kursierenden Geschichten als "Memes": als Informationsviren - ein Begriff, mit dem der Biologe Richard Dawkins einst Ideen beschrieb, die sich wie Krankheitserreger verbreiten. Eine weltweite Epidemie aus Verblendung und Lügen diagnostizieren die Forscher.

Als Unheil bringendes, treudoofes Wirtstier dabei gilt das Internet. "Es hat urbanen Legenden in den vergangenen drei Jahren eine ganz neue Dynamik verliehen", sagt Bernd Harder, dessen "Lexikon der Großstadtmythen" im Februar 2005 im Eichborn-Verlag erscheint. Es sei an der Zeit, die bisherigen Sammelwerke zu aktualisieren. Mehr als eine Milliarde Web-Nutzer weltweit zählen nach Prognosen des Marktforschungsunternehmens ETF Mitte 2005 zu den potenziellen Urhebern und Empfängern urbaner Legenden - etwa doppelt so viele wie noch vor drei Jahren. Doch während die Verbreitungsmöglichkeiten wachsen, "stammen die Motive vieler Geschichten aus dem 17. und 18. Jahrhundert", berichtet der niederländische Medienwissenschaftler Peter Burger von der Universität Leiden. "Legenden von geraubten Kindern beispielsweise, die wie vor vierhundert Jahren allgemeine Ängste versinnbildlichen und Sündenböcke ausmachen, erhalten Zugang zu einem modernen Massenmedium", warnt er.

Der dankbare Araber

Die momentane Terrorangst bereitet solchen Viren einen optimalen Nährboden. Nur wenige Tage hatte es nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gedauert, bis in amerikanischen Internetforen, dann auf Schulhöfen und Firmenfluren die erste Legende vom "dankbaren Araber" kursierte. Darin findet eine Amerikanerin im Sommer 2001 die Wohnung ihres arabischen Geliebten leer vor und einen Brief mit einer Warnung: "Steig am 11.9. in kein Flugzeug!" Etwa zwei Wochen später tauchte eine deutsche Version der Legende auf. Darin trägt die "Freundin eines Freundes" einem arabisch aussehenden Mann seine Geldbörse nach, die er im Supermarkt vergessen hat, und zum Dank warnt er sie: "Bleib dem Centro Oberhausen fern!" Dort könnte es krachen wie in New York, denkt sich der Leser.

Etwa in diesem Tempo verbreiten sich die Cyber-Märchen und Gerüchte, die unaussprechliche Ängste auf einfache, oft Rassismus schürende Formeln bringen. Burger hat es in Deutschland und in den Niederlanden beobachtet: Knapp zwei Wochen nach dem Mord an Islam-Kritiker Theo van Gogh im November habe man sich dort erzählt, Immigranten hätten ein holländisches Mädchen vergewaltigt und ihr mit Rasierklingen die Worte in die Haut geritzt: "Das ist die Zukunft der Niederlande."

Solche Geschichten haben wie Gerüchte und Verschwörungstheorien eine zentrale Funktion, betont Burger. "Sie führen das Unfassbare oder eine irrationale Angst auf eine einfache, verständliche Ursache zurück. So kann man mittels der Legende über seine Ängste oder Vorurteile sprechen, ohne sie als persönliche Ängste oder Vorurteile zugeben zu müssen." Zur Funktion der Legenden als Therapie und Lebenshilfe passt auch, erklärt der Legendenforscher Bill Ellis von der Pennsylvania State University, "dass viele urbane Mythen wie Gleichnisse in vormoderner Zeit mit einer Moralisatio enden, einer Handlungsanleitung: Geh nicht in das Einkaufs-Zentrum! Das ist die schlichteste Variante."

Für den Sündenbock, den die Legende nennt, ergeben sich indes oft böse Konsequenzen, weil rassistische Äußerungen hoffähig werden: "Schließlich muss ich nicht mehr offen zugeben: Ich traue Marokkanern nicht. Ich erzähle stattdessen einfach die Geschichte von der Smiley-Gang", sagt Burger - eine Legende, die im Nachbarland bis ins Jahr 2004 hinein ein so starkes Echo fand, dass die Polizei ermittelte: Stimmte es, dass eine marokkanische Jugendbande holländische Frauen verschleppte und sie zwischen Vergewaltigung und einem "Smiley" wählen ließ - dem Aufschlitzen der Mundwinkel? Als die Polizei in keinem Krankenhaus verunstaltete Opfer fand, folgte ein offizielles Dementi. Zeitungen berichteten. Die Legende starb.

"So ist es immer, wenn das größtmögliche Publikum erreicht wird", erklärt der Amerikaner Ellis. "Eine Legende lebt nur so lange, wie es sich lohnt, sie zu diskutieren." Das aber sei vor allem dann der Fall, wenn Zweifel an ihrem Wahrheitsgehalt bestehen. "Skeptiker erzählen die Legenden häufiger", fasst Ellis zusammen, "weil sie sich rückversichern wollen." Erst wenn alle informiert sind und alles ausdiskutiert ist, kann die Legende sterben - oder sie überlebt durch Variation ihrer Informationen.

Als Lehrbeispiel für diesen Mechanismus gilt ein bereits Jahrzehnte alter Kettenbrief. Heute kommt er per E-Mail, die dazu aufruft, einem kranken Kind zu helfen, das oft Draig Enold heißt, acht Jahre alt ist und an einem Gehirntumor leidet. Nur selten heißt es in den heute kursierenden Varianten noch Craig Shergold. Denn der wahre Craig ist 24 Jahre alt, längst genesen und leidlich berühmt. 1989 hatten die Eltern des damals Neunjährigen die Kettenbrief-Aktion gestartet, damit das Kind tröstliche Post aus aller Welt bekomme. Der umwerfende Erfolg (es fand sich sogar ein Millionär, der Craig die Gehirn-Operation bezahlte) beflügele offenbar bis heute Legenden-Erzähler im Internet, sagt Burger.

Der Fall ist selten: Forscher haben den wahren Kern einer Legende gefunden. Die Frage jedoch, warum die Lügen-Epigonen ebenso wie die Erfinder urbaner Mythen wissentlich die Unwahrheit verbreiten, beantwortet das nicht. Stecken vielleicht Kranke hinter den Geschichten? Wahnpatienten?

Der deutsche Kriminalbiologe Mark Benecke, der den Wahrheits- und Lügengehalt bereits mancher urbanen Legende ermittelt hat, schließt Zusammenhänge mit Wahnvorstellungen nicht aus. "Horrorgeschichten von Tieren zum Beispiel, die sich unter der Haut einnisten, passen in dieses Bild", sagt er. Hautproben angeblich Betroffener hätten in seinem Labor immer wieder gezeigt: "Erst ist der Wahn da, die Leute kratzen sich wund, und dann nisten sich Kleinstlebewesen in den Wunden ein." Von der ÊLegenden-Idee aber, eine böse Macht habe die Tiere auf sie gehetzt, wollten solche Patienten trotz rationaler Einsicht in die Laborergebnisse nicht ablassen.

Bonsai-Kätzchen als Modetier

Eine solche krankhafte Reaktion haben Psychologen bei Anhängern von VerschwörungsÊlegenden noch nicht gefunden. Der amerikanische Psychologe Ted Goertzel von der Rutgers Universität in New Jersey hatte bereits vor zehn Jahren 348 gesunden US-Bürgern zehn Verschwörungstheorien vorgelegt und gefragt, welche Legende sie für wahr hielten. "Die Mehrheit glaubte, dass einige wahr seien", berichtete er. Immerhin 50 Prozent glaubten zum Beispiel an eine Verschwörung der Japaner gegen die US-Wirtschaft. Mythenforscher Ellis sagt: "Es sind so genannte normale Leute, die so etwas glauben und verbreiten. Wären urbane Legenden ein reines Krankheitsproblem, könnte es nicht so viele geben."

Fest steht lediglich: Manche Geschichtenerzähler tun es aus Spaß. In Glasbehälter gequetschte Katzen, so genannte "Bonsai Kittens", seien der Trend bei fernöstlichen Wohn-Accessoires, behaupteten etwa Studenten des Massachusetts Institute of Technology in satirischer Absicht auf einer Webseite, bis diese vom Universitätsserver flog. Weil die Studenten ihre Fiktion mit Trickfotos dokumentiert hatten, stießen sie auf weltweites Entsetzen. Andere akademische Spaßvögel manipulierten ein Foto von der Ausgrabung eines Mastodon-Skeletts, das 1999 nahe Hyde Park im Staat New York gefunden worden war - und machten am Computer aus dem Urelefanten einen menschlichen Urzeitriesen. Gewaltige Haie, die Hubschrauber attackieren, Menschen mit panthergroßen Hauskatzen und US-Soldaten im Irak, die von Kamelspinnen zu Tode erschreckt würden: An urbanen Bildgeschichten und gefälschten Belegen ist das Web nicht arm.

Bedenklich bis kriminell jedoch werden die Lügengeschichten im Einsatz politischer oder wirtschaftlicher Interessen. Händler so genannter Snuff-Filme etwa treten im Internet auf: Sie bieten Filme an, in denen angeblich nur zum Zweck der Video-Aufnahme Menschen vor der Kamera umgebracht werden. "Das ist eine urbane Legende in Reinform", sagt Benecke, der solche Videos zusammen mit Ermittlern der Polizei ausgewertet hat. "Natürlich gibt es Filme, in denen man sieht, wie Menschen ermordet werden (1). Aber die sind nicht zu Verkaufszwecken gedreht."

Am weitesten verbreitet aber seien zurzeit Rufmord-Mythen, die sich meist gegen Firmen richteten, berichtet der amerikanische Legendenforscher Bill Ellis. "Wir sprechen in diesem Fall von merkantilen Legenden." Auf Platz acht einer Hitliste des Jahres 2004, die der Onlinedienst about.com aufgestellt hat, schaffte es etwa ein Gerücht über die Getränke-Firma Pepsi: Sie habe auf einer patriotischen Dosen-Edition den amerikanischen Fahneneid unvollständig abgedruckt. Nämlich ohne die Phrase der vereinten Nation "unter Gott". Hunderttausende schickten eine E-Mail mit dem Aufruf zum christlichen Dosen-Boykott weiter. Die Firma sah sich gezwungen, das Gerücht öffentlich zu dementieren.

"Solche Legenden richten sich gegen Firmen, die gerade bei Jugendlichen beliebte Produkte herstellen. Denn sie gelten als weniger konservativ, und sollen als unpatriotisch gebrandmarkt werden", erklärt Ellis. Die schlichte Erklärung lässt sich durch weitere Beispiele belegen. So musste sich die Café-Kette Starbucks der Lügenlegende erwehren, sie habe eine von US-Marines erbetene Kaffeespende an Soldaten im Irak verweigert. "In solchen Fällen ist eine offizielle Stellungnahme immer falsch", betont Ellis. "Selbst wenn eine Firma dementiert, nimmt sie in der öffentlichen Wahrnehmung die Legende zu ernst. Die Leute denken dann: Aha, da hat offenbar einer etwas zu verbergen."

Das Perfide an den Rufmord-Legenden: Die Täter haben es kinderleicht. Ein paar Mausklicks und eine uralte Story, etwa von einer Kindesentführung, genügen. Basis ist zum Beispiel der Fall des sechsjährigen Adam Walsh, der 1981 aus einem Einkaufszentrum in Florida entführt und ermordet wurde. "Solche Geschichten sind das häufigste Motiv urbaner Legenden", sagt Ellis. Zuerst habe sich die US-Kette Wal-Mart, die nichts mit dem Fall Walsh zu tun hatte, zur Reaktion gedrängt gesehen. Der Konzern führte den so genannten "Code Adam" ein - ein ausgeklügeltes Warn- und Sicherheitssystem gegen ähnliche Entführungen. Zuletzt gelangte die amerikanische Legende über ein vermisstes Mädchen, das unter Drogen gesetzt und mit rasiertem Kopf auf einem Kaufhaus-Klo entdeckt wird, nach Europa. Hier traf es den Möbelkonzern Ikea.

Fotos für den Organ-Katalog

Ist es demnach gefährlich, solche Legenden nachzuerzählen? Inspiriert es Nachahmer oder gar Schwerkriminelle?

"Nein", sagen die Legendenforscher einhellig. Berichte hätten bisher nur zu wachsender Aufmerksamkeit bei den potenziell Betroffenen geführt. Und dass ein Krimineller eine Legende wahr gemacht hätte, das habe es bislang nur einmal gegeben: im Fall des achtjährigen Timothy O'Brien aus Houston, Texas, im Jahr 1974. Der Vater hatte die Süßigkeiten vergiftet, die das Kind zu Halloween bekam - ganz wie es die Grusellegende erzählt, nur dass in der Fiktion fremde Kinderhasser die Täter sind. Timothys Vater hingegen hatte eine hohe Lebensversicherung für seinen Sohn abgeschlossen. "In der Nacht, in der er hingerichtet wurde, feierten viele Texaner in Halloween-Kostümen in den Kneipen und Bars. Weil die Hinrichtung ihre Angst besiegt hatte, von der die Legende erzählt", berichtet Ellis.

Exakt in einem solchen Verhalten, warnen Legenden-Forscher auf ihren Konferenzen, liege die eigentliche Gefahr moderner Mythen: dass die Geschichten mit der Realität verwechselt werden. Dass sie zu Hass, Rache und Gewalt gegen Sündenböcke anstacheln - gegen den mysteriösen Araber, die Marokkaner oder Japaner. In einem guatemaltekischen Maya-Dorf zum Beispiel töteten Einheimische im Mai 2000 einen japanischen Touristen, nachdem er Kinder fotografiert hatte. Denn die neueste Legende im Dorf besagte, dass Fremde aus den Fotos Kataloge machten und dann ausgesuchte Kinder entführten, die sie als Organspender missbrauchten.

"Das ist ein ganz alter Legendenstoff, auch bei uns in Europa", betont Peter Burger. Und der deutsche Mythenlexikon-Autor Bernd Harder warnt davor, mythisches Denken und irrationale Reaktionen nur in anderen Kulturen zu vermuten: "In Deutschland sind solche Ängste, etwa vor Magie, viel größer, als man denkt." Harder ist Sprecher der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Kettenmail-Empfänger zum Beispiel, berichtet er, riefen häufig bei ihm an, weil der Text ihnen Unheil androht, wenn sie ihn nicht weiter verbreiten. Es sind moderne, informierte Menschen, erzählt er, die vor dem Laptop sitzen und sich fragen: "Kann mir etwas Schreckliches passieren, wenn ich diese Mail nicht weiterleite?"

Quelle & (c) Philip Wolff/Süddeutsche Zeitung Nr. 304, Freitag, den 31. Dezember 2004, Seite 13 (Wissen)

(1) Beispiel: Fall Homolka/Bernardo, Details im Buch Mordmethoden


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