2004-10-14 Gießener Allgemeine: Madige Sachinformationen und mysteriöse Geheimcodes

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Krimifest Gießen/Roxy-Kino/Kriminalbiologie (Gießener Anzeiger/Gießerner Allgemeine, Okt. 2004)


Quellen: Gießener Anzeiger & Gießener Allgemeine, beide vom 14. Okt. 2004

Madige Sachinformationen und mysteriöse Geheimcodes

Krimifestival im Roxy und im Mathematikum: Aden-Arbeit mit Dr. Mark Benecke und ein Zahlenkrimi mit Prof. Albrecht Beutelspacher

Von vh

[Gießen & Marburg 2006]

Click to enlarge Beim Giessener Krimifestival muss der Zuhörer schon mal hart gesotten sein. Und irgendwann erwischt es mitunter auch denjenigen, oder etwa meint, durch steten Kino- oder Heimkino-Konsum für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Nur Millimeter lange Gliedertierchen, die weder giftig sind noch Krankheiten übertragen, die nicht beißen, höchstens kratzen, sind notwendig, um durchaus unsympathische Semantik befleißigen wie "Ekelfaktor". Doch journalistisch-fantasievolle Kosenamen wie "Dr. Seltsam", "Herr der Maden" oder "Kommissar Schmeißfliege" bewertet Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke bestenfalls noch mit ironischer Distanz.

Im Roxy-Kino stellt der weltweit gefragte Spezialist für forensische Entomologie (Insektenkunde im Dienst der Gerichtsmedizin*) in Wort und Bild (Videobeamer) seine Assistenten vor, denn für "jedes Zersetzungsstadium gibt es bestimmte Insekten", weiß der in Köln lebende Dampfplauderer, dem manch ein Vertreter aus der professionellen Unterhaltungsbranche das Wasser nicht reichen könnte.

Der diplomierte Biologe und promovierte Rechtsmediziner** hat sich im Laufe seiner rund zehnjährigen Berufspraxis eine höchst individuelle Vortragspraxis angeeignet, die fast mühelos solche Gratwanderungen schafft wie den allmählichen Abbau des Ekelpotenzials beim Zuhörer ausgerechnet über madig-profunde Sachinformationen und zuvorderst den Gegenbeweis erbringt, dass eine buchstäblich todernste Angelegenheit womöglich nur mittels defätistischer Melancholie vermittelbar sei. Für ausschließlich der Wahrheitsfindung ("selbst wenn jene unwahrscheinlich erscheint") dienende Spurensuche wurde Benecke mit der Ehren-Kriminalmarke des Bundes Deutscher Kriminalbeamter ausgezeichnet.
(...)
Weitere Informationen im Internet: www.benecke.com Buchtipp: Mark Benecke, Mordmethoden, Lübbe-Verlag 2002, 22 Euro

(* Oder so ähnlich;** Kriminalbiologe, kein Rechtsmediziner)



Quelle: Gießener Anzeiger, 14. Okt. 2004

Wie Maden Mörder entlarven

Der Kriminalbiologe Mark Benecke zu Besuch im Roxy

Von Oliver Keßler

Click to enlarge Stern, Max oder andere Zeitschriften nennen ihn "Dr. Seltsam" oder "Kommissar Schmeißfliege". Auf der Visitenkarte von Dr. Mark Benecke steht weitaus sachlicher "Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für kriminaltechnische Sicherung, Untersuchung und Auswertung biologischer Spuren". Der Kölner ist als forensischer Entomologe ein weltweit gefragter Spezialist für Mordaufklärung mit Hilfe von Maden.

Im Rahmen des Krimi-Festivals berichtete er im Roxy von sich und seinen "krabbelnden Assistenten". Mark Benecke hat kurze Haare, trägt Ohrring und lässigen Schlabberlook sowie eine Menge Schlüssel und Taschen am Gürtel: Die Profiler im Fernsehen sehen anders aus. "Die gibt es sowieso nicht", entmystifiziert der Mittdreißiger die US-Serien. Er redet schnell und zapped gerne von einem Thema zum nächsten, von einem Gruppenbild einer Asien-Reise zu einem von Maden aufgelösten Schädel in Nahaufnahme. Das Folgen fordert Konzentration, aber es ist kurzweilig, weil unterhaltsam. Biologie, auch wenn sie hier bisweilen die Sehgewohnheiten der 100 Besucher herausfordert, wird übersetzt. So werden aus verpuppten Maden "braune Tic-Tacs". Damit weiß jeder, was gemeint ist.

Im Gegensatz zu seinen Diamotiven stellt sich der Wissenschaftler als überaus lebendig heraus, wie eine Mischung aus Joachim Bublath ("Knoff-Hoff") und dem Comedy-Star Michael Mittermeier. Er erzählt ein wenig von seiner Zeit in den USA, von der "Bodyfarm", wo Körperspender für die Wissenschaft im Freien verwesen, dem FBI und von einem Serienmörder, der 300 Jungen umgebracht hat, und den er kennt. Das macht Eindruck. Das ist einer, der mit den Abgründen der menschlichen Natur zu tun hat - 24 Stunden täglich, sieben Tage in der Woche.

"Eine Faulleiche", sagt der Insektenkundler, "ist für mich ein faszinierendes Biotop." Darin enthaltene Insekten lassen Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt zu. "Dazu muss ich näher rangehen als andere." Das sagt er, als beschreibe er sein Frühstück vom Morgen. Für ihn sei eine Leiche jedoch nicht mehr als ein Untersuchungsobjekt. "Nicht, dass Sie denken, wir wären harte Kerls, ich zum Beispiel finde Spinnen eklig und kann sie nicht einmal mit dem Staubsauger wegmachen." Das macht seine Frau.

Immer wieder gibt es zwischendurch nebenbei etwas zu lernen, zum Beispiel, dass es ein rauschendes Geräusch gibt, wenn viele Maden schaben. Denn Maden beißen nicht, sie kratzen mit zwei winzigen Zangen. Dann ist da noch ein "Blutspuren-Kurs in zehn Sekunden" oder das Rätsel von "Dr. One Eye". Den hat Mark Benecke so genannt, weil er Arzt war und in seinem Bett gestorben war. Während der Zersetzung hatten sich die Maden aber nur auf ein Auge gestürzt. Warum? Die Antwort bleibt er schuldig. "Die Lösung finden Sie auf meiner Website." Ein Raunen schwappt durch den Kinosaal. Darauf sagt er verschmitzt: "Sehen Sie, so geht es uns jeden Tag am Tatort, niemand sagt uns die Antwort - kein Mensch."


Mark Benecke, Ph.D., Certified & Sworn In Forensic Biologist, International Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, 50520 Cologne, Germany; E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com, Text / SMS only +49-173-287-3136.