1998-03-10 Braunschweig: Verhandlung des Autors im Fall Pastor Geyer
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Antworten auf häufig gestellte Fragen zur rechtsmedizinisch-kriminalistischen Untersuchung von Insekten an Leichen bzw. Leichenfundorten
im Zusammenhang mit der Verhandlung/Vorladung des Autors
im Fall Geyer, Braunschweig, 10. März 1998
Mark Benecke
Untersuchungen von Gliedertieren (das heißt von Insekten, selten aber auch von Spinnentieren oder Krebsen) oder deren Spuren können als eines von vielen Werkzeugen in Kriminalistik und Rechtsmedizin dienen.
Abhängig von der Fragestellung und den Umwelteinflüßen während und nach dem Todeseintritt können anhand von Insekten oft folgende sehr verschiedene Fragen bearbeitet werden:
- Wann ist eine Person zu Tode gekommen?
- Wie lange lag ein Körper an einer bestimmten Stelle?
- Ist die Fundstelle der Tatort?
- Welches Gift befand sich in einem nun stark verwesten Körper?
- Welche Bakterien befanden sich in einem nun verwesten Körper?
- Warum tauchen Insekten an gründlich gereinigten Orten auf?
- War eine Person an einem bestimmten Leichenfundort zugegen?
Die in Kriminalfällen oft wichtigste Untersuchung zur Leichenliegezeitbestimmung gliedert sich meist in vier Schritte:
a) Artbestimmung der Tiere (d.h. der Maden (Larvenstadium), Puppen (Zwischenstadium) und/oder erwachsenen Fliegen und Käfer)
b) Altersbestimmung der Tiere selbst
c) Herleitung der Lebenszeit der Tiere auf der Leiche
d) Rückschlüsse auf die Liegezeit der Leiche.
Die Methode kann sehr präzise sein und erlaubt die Eingrenzung von Leichenliegezeiten auf im Opimalfall bis zu wenigen Stunden. In anderen Fällen - besonders mit zunehmender Leichenliegezeit - kann eine Eingrenzung auf Tage, Wochen, Monate oder Jahreszeiten erfolgen. Abhängig von der Fragestellung sind auch solche scheinbar weniger genauen Antworten äußerst hilfreich, zum Beispiel bei Vermißtenfällen oder Leichen, deren Liegezeit durch andere Methoden nicht oder nur unsicher ableitbar ist.
Die oft weißlichen Maden wachsen aus den meist hunderten von Eiern heran, die erwachsene, trächtige Fliegen zuvor auf der Leiche abgelegt haben. Die Maden fressen Leichengewebe, verpuppen sich dann und schlüpfen - ähnlich Schmetterlingen - später aus der Puppe. Während ihrer Entwicklung verändert sich die Körpergröße und -gestalt. Daraus läßt sich das Alter der Tiere ableiten.
Verschiedene Insektenarten bevorzugen verschiedene Zersetzungsstadien der Leiche. Anfangs finden sich vor allem gewöhnliche Aasfliegenmaden (verschiedene Arten, z.B. Larven der Kaisergoldfliege). Aber auch auf schon trocknenden Leichen nahe der vollständigen Skelettierung finden sich spezialisierte Kerbtiere, z.B erwachsene Schinken-, Museums- oder Koprakäfer.
Die Methode kann aufwendig und kompliziert sein und erfordert neben Erfahrung mit den Lebensgewohnheiten und der Körpergestalt leichenbewohnender Insektenarten die Kenntnis der Umweltbedingungen im jeweiligen Fall. Gelegentlich ist die Bestimmung der Maden und Eier wegen der notwendigen Detailuntersuchungen winzigster Körpermerkmale eine Herausforderung. Daher ist es besonders günstig, wenn einige Leichenmaden in Aufbewahrungsflüssigkeit haltbar gemacht werden, während andere in Zuchtgefäßen zu erwachsenen Fliegen herangezogen werden, die leichter zu bestimmen sind. Neuerdings werden auch genetische Fingerabdrücke zur Artbestimmung herangezogen.
In den vergangenen hundert Jahren wurde die "forensische Entomologie" stets weiterentwickelt. Heute arbeitet u.a. ein Spezialagent des FBI mit der Insektenkunde und Insektenkundlern, und die französische Polizei hat seit kurzen sogar ein Routinelabor, in dem ein ganzes Team nichts anderes als insektenkundliche Untersuchungen an Leichen durchführt. Im übrigen gibt es nur wenige in diesem Gebiet spezialisierte Forscher; die meisten davon sind Berufsinsektenkundler an Universitätsinstituten. Einige Entomologen arbeiten dabei vor allem an den außerordentlich wichtigen Grundlagen des Faches, das heißt, sie stellen die Einzelheiten der Insektenentwicklung verschiedener Arten in verschiedenen Lebensräumen fest. Andere beschäftigen sich mit den statistischen Regeln, die bei der Insektenentwicklung beobachtbar sind. In der Rechtsmedizin selbst sind leider die wenigsten forensischen Entomologen beschäftigt.
Gerade in den letzten etwa zwanzig Jahren wurden zahlreiche Kriminalfälle mithilfe oder gelgentlich auch hauptsächlich durch insektenkundliche Beweise aufgeklärt. Zu den Erfolgen der "forensischen Entomologie" zählen neben Leichenliegezeitbestimmungen u.a. auch die Wiedereinstellung einer zu Unrecht entlassenen Reinigunskraft sowie die für die Verurteilung ausschlaggebende Beweisführung in einem mit einer Vergewaltigung gekoppelten Mordfall (Fragestellung seinerzeit: Anwesenheit des Täters am Tatort - Beweisführung durch Milbenbisse).
Die forensische Entomologie lebt von der engen Zusammenarbeit, der wachen Reaktion und dem offenen Informationsaustausch zwischen Polizeibeamten, Rechtsmedizinern, Biologen und Wetterbeobachtern. Zusammenschlüsse und Treffen von forensischen Entomologen finden regelmäßig statt. Fallberichte, Zuchtanleitungen, Literaturlisten, Zeitungsausschnitte und allgemeinverständliche Übersichten zum Thema sind beim Autor, der das Fach auch auf Polizeiakademien und wissenschaftlichen Kongressen behandelt, erhältlich und liegen als Textfassungen teils auf der Netzadresse http://www.benecke.com/maden.html, unter der auch Querverweise auf einige andere Netzquellen zum Thema zu finden sind.
Insektenkundliche Gutachten und Stellungnahmen können sich grundsätzlich nicht mit Schuld- oder Unschuldfragen oder den psychologischen Eigenheiten bestimmter Kriminalfälle gefassen.
((Folgende Adresse nicht mehr gütig, aktuelle Adresse siehe ganz unten -- Dipl.-Biol. Dr. rer. medic. M. Benecke,
Office of Chief Medical Examiner, Forensic Biology Dept.,
520 First Ave,
New York City, NY 10016,
FAX-Zentrale +1-212-447-2630,
e-mail benecke@csi.com <-- alles nicht mehr gültig!))
Mark Benecke, Ph.D., Certified & Sworn In Forensic Biologist, International Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, 50520 Cologne, Germany; E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com, Text / SMS only +49-173-287-3136.