Luis Alfredo Garavito Cubillos: Kriminalistische und juristische Aspekte einer Tötungs-Serie mit über 200 Opfern

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Quelle: Archiv für Kriminologie 210:83-94 (2002)
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Quelle: Archiv für Kriminologie 210:83-94 (2002)

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Luis Alfredo Garavito Cubillos: Kriminalistische und juristische Aspekte einer Tötungs-Serie mit über 200 Opfern

Criminalistic and juridical aspects of a serial killing spree with more than 200 juvenile male victims

Von Dr. rer. medic. Dipl. Biol. Mark Benecke und Dr. iur. Miguel Rodriguez y Rowinski

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[Short English Version] [Full English Article (Minerva Medicolegale (2005) ENGLISH TEXT VERSION]

Summary

Luis Alfredo Garavito Cubillos: Criminalistic and juridical aspects of a serial killing spree with more than 200 juvenile male victims

This is the first scientific report on the crimes of homosexual paedophile sadist Luis Alfredo Garavito Cubillos, based on a research stay of the authors in Columbia, and including discussions with the investigators, and the offender. Between 1992 and 1999, Garavito killed more than 200 children in the core age span between 8 and 13 years (as an exception, 6 to 16 years). His modus operandi remained stable. During daytime, he lured children of a lower social status out of crowded parts of the city into hidden areas that were overgrown with high plants. Garavito promised either payment for easy work, or drugs, or made other socially believable offers. The children were tied up, tortured, raped, and killed by at least a cut in the lateral part of the neck, or by decapitation. During the killings, Garavito was drunk. Even after his arrest (for attempted sexual abuse under a wrong identity it was not immediately possible to track his crimes since Garavito had frequently changed his places of stay and his jobs. He also grew different hairdos and used wrong names. During his still ongoing confessions, he directs the investigators correctly to all scenes of crime spread over large parts of Columbia (and parts of Ecuador). In our report, we give an overview over the course of investigations, hint to similarities in the cases of the German serial killers Denke (1920’s) and homosexual paedophile serial killer Jürgen Bartsch (1960’s), and give preliminary impressions on the offender’s personality. Furthermore, the violent environment and juridical peculiarities in Columbia are discussed. In spite of a total penalty of 2600 years in prison, it is formally well possible that Garavito will be released out of prison within the next 10 to 20 years, i.e. even before the maximum sentence of 40 years will be over.

Zusammenfassung

Der homosexuelle pädophile Sadist Luis Alfredo GARAVITO CUBILLOS tötete in den Jahren von 1992 bis 1999 nach aktuellem Ermittlungs-Stand über 200 Jungen im Alter zwischen 8 bis 13 Jahren (ausnahmsweise 6 bis höchstens 16 Jahren). Dabei hielt er sich strikt an ein Tatbegehungs-Muster, das darin bestand, die Kinder nach unter anderem äußeren Merkmalen tagsüber auszuwählen und sie dann mittels glaubhafter Versprechen aus belebten Gegenden in geschützte, aber unweit der Ortskerne gelegene Gelände zu locken. Dort fesselte er die Kinder und tötete sie nach Folterung und Vergewaltigung durch Halsschnitt. Die eigentlichen Tötungen wurden offenbar im Alkohol-Rausch begangen. Eine Haft-Entlassung des Täters ist nach der Rechtslage in Kolumbien nicht ausgeschlossen. Es wird überdies diskutiert, dass die von Gewalt und sozialen Schräglagen gekennzeichnete Situation in Kolumbien zum Entstehen und Ausmaß der Taten beigetragen haben kann. Die vorliegende Untersuchung basiert auf direkten Nachforschungen vor Ort und stellt die erste wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Fall dar. Parallelen zu den Fällen BARTSCH und DENKE werden angerissen.

Teil I: Kriminalistische Aspekte

1. Einleitung

Der pädophile homosexuelle Sadist Luis Alfredo GARAVITO CUBILLOS (* 25. Jan. 1957) ragt in der Kriminalgeschichte durch die hohe Zahl seiner Opfer (gesichert über 200 Jungen im Alter ab 6 bis ausnahmsweise 16 Jahren) in einem vergleichsweise kurzen Tatbegehungs-Zeitraum (1992-1999) heraus. Im Folgenden sollen erstmals in der wissenschaftlichen Literatur ausgewählte Aspekte des Falles dargestellt werden. Grundlage ist ein zehntägiger Aufenthalt der Autoren in Kolumbien (Bogota und Villavicencio) im Juli 2002, der Gespräche mit den Ermittlern und dem Täter zum Gegenstand hatte. Da die Ermittlungen trotz mehrerer erfolgter Verurteilungen noch andauern, beschränkt sich die Beschreibung auf Grundzüge des Falles.

2. Verlauf und Entdeckung der Taten

a. Verhaftung des Täters
Am 22. April 1999 fiel einem im Gestrüpp nahe einer asphaltierten Straße (Abb. 1) umherstreifenden, wohnungslosen Mann am Stadtrand des etwa 400.000 Einwohner fassenden Städtchens Villavicencio in Kolumbien ein erwachsener Mann auf, der einen sexuellen Übergriff auf einen Jungen beging. Der Zeuge verscheuchte den Täter und meldete die Tat sofort der Polizei, wurde von dieser aber ohne Aufnahme seiner Personalien wieder entlassen und konnte daher später nicht mehr ermittelt werden.

Eine sofortige Suche nach dem Angreifer brachte kein Ergebnis. Durch von Taxi-Fahrern freiwillig unternommenen Patrouillen wurde aber noch am selben Tag ein einzelner Mann gestellt, der die Züge der Personen-Beschreibung, die das entkommene Kind gegeben hatte, aufwies. Dieser Mann hatte keine Papiere bei sich, gab aber korrekt die Personalausweis-Nummer und den Namen eines Bürgermeister-Kandidaten einer kolumbianischen Kleinstadt an. Da das Meldewesen in Kolumbien eine niedrige Priorität hat, konnten diese Angaben nicht geprüft werden.

Auf die Nachfrage, wohin er habe gehen wollen, hatte der Täter jedoch einen Ziel-Ort angegeben, der in 90° versetzter Richtung zu seinem eingeschlagenen Weg lag. Die Polizisten deutete dies richtig als die Aussage einer Person, die auf der Flucht die Orientierung verloren hatte und verhaftete den Mann angesichts der im übrigen zutreffenden Personenbeschreibung.
b. Entdeckung der Serie und erste Ermittlungen
Im Februar 1998 wurden in hügligem, von der Stadt-Mitte etwas entferntem, bergan gelegenem, mit tropischen Gräsern hoch bewachsenem Gelände in der kolumbianischen Stadt Genua erst zwei beieinander liegende sowie am folgenden Tag eine dritte, nur wenige Meter entfernt liegende, in beginnende Fäulnis übergegangene, nackte Kinder-Leiche entdeckt. Es lagen in allen Fällen mindestens Fesselungen der Hände vor; der Fund-Ort war weiträumig mit Blut-Spuren bedeckt. Die Kleidung der Kinder war etwas entfernt verstreut; außerdem wurde ein Messer gefunden. Die Hälse und äußeren Geschlechtsorgane der Leichen wiesen tiefe Einschnitte oder komplette Durchtrennungen auf.

An den Leichen wurden Biss-Spuren und zahlreiche Schnitte sowie deutliche Hinweise auf anale Penetration gefunden. Die Leichenliegezeit konnte nicht auf den Tag genau eingegrenzt werden. Bei der Obduktion wurde eine Spurensicherung einschließlich Abstrichen vorgenommen; eine DNA-Typisierung erwies sich aber als zu kostspielig.

Einen später als irreführend verstandenen Hinweis stellte ein etwa siebzig Meter vom Leichenfundort entfernt angetroffener primitiver Unterstand dar, in dem Kondome und pornografische Bilder gefunden wurden.

Wegen der sehr hohen Zahl von in Kolumbien durch Gewalt Getöteten und auch im Zusammenhang mit bereits andauernden Serien-Tötungen durch Pedro ALONSO LOPEZ (etwa 70 Opfer; von der örtlichen Presse „Anden-Monster“ oder „Anden-Würger“ getauft), bestanden anfangs nur diffuse Vermutungen darüber, wie diese Toten kriminalistisch einzuordnen seien.

Durch Einsicht in die Fremden-Listen der Hotels und weitere klassische Ermittlungsmethoden konnten keine Erkenntnisse gewonnen werden, da der Tag der Entdeckung der Toten mit dem Präsidentschafts-Wahltag zusammenfiel, der in Kolumbien mit der Konzentration von Sicherheitskräften in andere als Ermittlungs-Bereiche einhergeht.

Die getöteten Jungen waren 11 bis 13 Jahre alt und stammten aus sozial schwachen, wenngleich nicht zwingend verelendeten, Strukturen, in denen alle Mitglieder einer Familie durch besonders niedrig vergüteten Tätigkeiten (Bardame, Abfallsammlung mit Verwendung der Funde als Schweine-Futter, Straßen-Verkauf von Feuerzeugen, Süßigkeiten oder Obst mittels Bauchläden usw.) zum Einkommen beitragen müssen, und in der die Mütter nicht selten allein erziehend sind. Die nun toten Kinder waren eng befreundet.

Ein Psychiater äußerte sich auf Anfrage der Ermittler dahingehend, dass die Tat vielleicht von ALONSO LOPEZ begangen worden sei, der einen Wechsel der Opfer von Mädchen auf Jungen vollzogen haben mochte. Da es in Kolumbien keine Ressourcen zur vergleichenden Studie von Serientaten gibt, konnten die Ermittler nicht erkennen, dass diese Aussage hoch unwahrscheinlich war (vgl. z.B. [7]). Es konnte anfangs ebenfalls nicht ermittelt werden, dass die Opfer nicht erwürgt worden waren, wie es dem modus operandi von ALONSO LOPEZ entsprochen hätte. Hingegen wurde richtig vermutet, dass der Täter dauernd aktiv umherreisen müsse und sich mit Gelegenheitsjobs oder sogar Betteln über Wasser halte. Weitere Versuche der Erstellung eines Täter-Bildes („Profiling“) mussten bis heute von den befragten kolumbianischen Psychiatern mangels Ausbildung abgelehnt werden.

Eine wichtige Aussage der Mutter des zuletzt verschwundenen Kindes lautete, dass ihr Sohn kurz heimgekehrt sei und angekündigt habe, mit einem Mann Rinder zu treiben. Es fiel zudem auf, dass alle drei Kinder tags gegen 10 Uhr, aber an verschiedenen Tagen, verschwunden waren.
c. Ausweitung der Ermittlungen
Eine vier Personen umfassende Gruppe von Ermittlern der als zuständig bestimmten Staatsanwaltschaft aus dem Landesteil Armenia (im mittleren Westen Kolumbiens) suchte nun persönlich landesweit nach weiteren Morden an Jungen, die übereinstimmende Merkmale der Leichen und Fund-Orte zeigten. Dabei kamen dutzende Funde von toten Kindern aus den vergangenen Jahren ans Licht. Die Kinderleichen waren aber in vielen Fällen nicht identifiziert und deren Verletzungen gelegentlich unzureichend beschrieben worden. Erschwerend kam hinzu, dass die oft nur bei Schul-Untersuchungen gewonnenen Daten zum Zustand der Zähne der Kinder teils schwer erreichbar waren, da sie im Jahr 1998 bei einem schweren Erdbeben entweder völlig verschüttet oder -- im besseren Fall – nun aus baupolizeilich gesperrten Gebäuden geborgen werden mussten. Dies trug dazu bei, dass bis heute 27 Leichen aus der Tötungs-Serie Garavitos nicht identifiziert sind. Immerhin gelangen einige Personen-Erkennungen mittels Superimposition [8] an der Abteilung für forensische Anthropologie im Institut für Rechtsmedizin in Bogota [9].

Im Laufe der Nachforschungen fiel eine Tötungs-Serie von vier Kindern im Alter von 8 bis 10 Jahren in der Region Valle aus dem Jahr 1995 auf. Zwei der Jungen waren Cousins; alle vier waren um die Mittagszeit letztmalig auf dem Marktplatz eines Städtchens gesehen worden. Die Kinder stammten wiederum aus sozial schwachen Verhältnissen, wurden aber als aufgeweckt beschrieben. Sie verkauften teils, wie in Kolumbien weit verbreitet, umherlaufend Lotterie-Lose.

Alle vier Leichen wurden in hoch bewachsenen, in Sichtweite der Stadt gelegenen, auf Hügeln gelegenen Zuckerrohr-Feldern gefunden. Da niemand gesehen hatte, dass die Kinder mit Gewalt verbracht worden waren, drängte sich die Vermutung auf, dass die Kinder sich freiwillig aus der Stadt entfernt hatten. Wie Garavito später eingestand, bot er vielen Kindern tatsächlich in etwa den Verdienst von fünf Tagen Straßen-Arbeit für Hilfs-Tätigkeiten an, die er den betreffenden Regionen Kolumbiens anpasste. Bei der Tötungs-Serie in Genua bat er um Hilfe beim Vieh-Treiben, in Valle um das Schlagen von Zuckerrohr, anderswo bat um den Transport von Obst-Kisten, die er auch wirklich mit sich führte. Drogenabhängigen, obdachlosen Straßenkindern versprach er die Gabe von Suchtgift, spielsüchtigen Kindern bezahlte er zunächst weitere Automaten-Spiele, anderen Kindern spendierte er in kleinen Läden Kuchen und Limonade und lud sie dann zu weiteren Erfrischungen ein.

Besonders das Versprechen eines kleinen Verdienstes für Hilfs-Arbeiten half bei der Tat-Verdeckung, da die Kinder erstens ihre Arbeit auf der Straße nur kurz unterbrechen wollten, sich zweitens freiwillig abseits von Straßen und Wegen begaben und drittens ihren Eltern den Zusatzverdienst sowie den genauen Auftrag und den Auftraggeber verschwiegen, um das Geld entweder frei zu verwenden oder gegen erwerbsfreie Zeit einzutauschen. In jedem Fall versuchte Garavito, die Kinder durch Versprechen möglichst ohne vorherige Heimkehr zum Mitgehen zu bewegen – eine deutliche Parallele zum ebenfalls homosexuellen pädophilen Serientäter Jürgen BARTSCH (1946-1976) [3,4,11].

Wie die Rekonstruktion ergab, musste sich der immer noch unbekannte Täter später in die Stadt Pereira begeben haben, wo am 21. Juni 1996 die Leiche eines etwa 13 Jahre alten Jungens angetroffen wurde. Im Nachhinein wirkte das fortgesetzte Morden verblüffend, da Garavito kurz zuvor im Städtchen Boyaca im Zusammenhang mit der Tötung eines 12 Jahre alten Jungens verhaftet worden war. Der Junge war am 8. Juni 1996 samt seines Fahrrades am frühen Nachmittag verschwunden (offenbar war er GARAVITO freiwillig gefolgt). Die Leiche wurde fünf Tage später dekapitiert und mit abgeschnittenem, in den Mund des Opfers gebrachtem Penis aufgefunden. Die Mutter hatte sofort nach Verschwinden ihres Sohnes auf eigene Faust Nachforschungen angestellt und dabei festgestellt, dass das Kind zuletzt in einem kleinen Laden gesehen wurde, wo ein Fremder mit mehreren Kindern gestanden und ihnen Naschwerk gekauft hatte. Die Personenbeschreibung deutete auf den zu dieser Zeit in der Stadt anwesenden Garavito hin, der nicht bestritt, mit den Kindern zusammengestanden zu haben, aber alle weiteren Verbindungen zum Opfer leugnete. Da keine Beweise oder direkten Hinweise auf seine Täterschaft vorlagen, musste er nach wenigen Tagen wieder entlassen werden.

Im Rahmen der Nachforschungen trat auch eine frühe Tötung zutage, die im November 1993 an einem Nachbarskind einer Schwester GARAVITOs im seinem Heimat-Dorf begangen worden war. Der elfjährige Junge war am Tag nach den Halloween-Feiern (die am 31. Oktober abends stattfinden und in Kolumbien als „Abend der Kinder“ aufgefasst werden) um sechs Uhr morgens verschwunden. Der Junge war nach Angaben der Eltern früh aufgestanden, um sich auf die Suche nach nachts aus den Taschen der Kinder verloren gegangenen Süßigkeiten zu begeben. Das machte es dem Täter vermutlich besonders einfach, einen wirksamen Grund zu finden, um das Kind wegzulocken.
d. Gemeinsamkeiten der Taten
Im Verlauf der Ermittlungen trat die Vorgehensweise des Täters deutlich hervor. Er suchte gezielt -- teils aus Gruppen -- Jungen im Alter von 6 bis etwa 13 Jahren aus, die eine helle Hauttönung und damit weder die in Kolumbien ebenfalls anzutreffenden indigenen oder negroiden Züge aufwiesen (beachte auch hier die Parallele zum Fall BARTSCH). Die beiden einzigen Ausnahmen bildeten ein stark gehbehinderter Sechzehnjähriger (März 1994) und ein dunkelhäutiger Dreizehnjähriger (Juli 1997). Die Leichen waren immer auf ähnliche Art gefesselt und wiesen zahlreiche Schnitte sowie immer Weichteil-Schnitte am Hals bis hin zu Dekapitierungen sowie oft längliche Kerben im knöchernen Bereich des vierten Halswirbels auf. An vielen Fundorten fanden sich leere Flaschen billigsten Schnapses sowie Vaseline-Behälter. Die Wunden wurden immer mit Messern verursacht, die gelegentlich schartig gewesen sein mussten. Echte Ausweidungen fanden sich nicht, wenngleich teils innere Organe durch tiefere Schnitte herausragten. Auch hier fand sich eine Ausnahme: Im Januar 1997 wurde ein 10 Jahre alter Junge unter ansonsten gleichen Bedingungen mit durch eine Stichwaffe ohne Klinge verursachten Wunden tot aufgefunden. Die Kinder waren stets in hoch mit Pflanzen bestandene, etwas außerhalb von Orten oder Städten gelegene, hügelwärts gelegene Gelände gelockt worden. In den meisten Fällen waren die Taten um das Wochenende herum begangen worden, wo sich die Kinder auf den dann besonders belebten Marktplätzen aufhielten, von denen sie meist am hellen Tage verschwanden.

Alle Hinweise deuteten somit auf einen vergleichsweise steif in seinem Verhalten geformten Einzel-Täter. Besonders von der Presse wurde aber die Theorie eines Satans-Kultes als Tätergruppe diskutiert, obwohl es dafür keinerlei Hinweise (Kerzen, Tücher, „satanische“ Symbole) gab. Die Abfolge der Taten zeigte im Gegenteil keinerlei Überlappungen (es wurden nie zwei Tötungen gleichzeitig an voneinander entfernten Orten begangen), wie es bei einem landesweit verbreiteten Kult anzunehmen gewesen wäre. Überhaupt schien der Reise-Verlauf des Täters keinem erkennbaren Muster zu folgen (Abb. 2). Eine weitere Theorie zur Ursache der Taten lief in Richtung illegalen Organhandels. Diese Möglichkeit wurde aber wegen der unsterilen Bedingungen an den Orten der Tötung (im Freien, belegt durch Blut-Spuren) rasch fallengelassen.

Als letzte Auffälligkeit trat die nach dem Geständnis GARAVITOs noch deutlicher hervorstechende Angewohnheit hervor, ein ihm geeignet erscheinendes bzw. bereits erprobtes, etwas abgelegenes Gebiet gleichsam in Sektoren einzuteilen und jeweils eine oder wenige Tötungen pro Unter-Abschnitt durchzuführen. Garavito kann bis heute noch die genauen Ablage-Stellen der Leichen, die er niemals verscharrte oder begrub, angeben. Nur in sehr wenigen Fällen führte er defensive Leichenzerstückelungen (zu Transportzwecken) durch, wenn er ausnahmsweise eine Tötung in einer Wohnung beging. Diese Leichenteile wurden – ebenfalls als Ausnahme von der Regel – in Säcke verpackt und mit Steinen beschwert in Flüssen versenkt.
e. Identitäts-Feststellung des Täters
Im März 1999 wurde im Rahmen der Überprüfung von Telefonnummern, die sich auf Zetteln in GARAVITOs Bekleidung gefunden hatten, erstmals klar, dass es sich beim in Villavicencio Inhaftierten um Luis Alfredo GARAVITO handelte. (Ein Abgleich der auch auf dem kolumbianischen Personal-Ausweis dargestellten Fingerspuren war zu dieser Zeit noch nicht erfolgt.) Die Ermittler der Staatsanwaltschaft hatten im Rahmen der Ausspähung pädophiler Personen als mögliche Serien-Täter auch Kontakte zu GARAVITOs leiblichen und sozialen Familien angeknüpft. Eine Vertrauens-Person GARAVITOs übergab den Ermittlern im Zuge dieser Nachforschungen dabei ein verschlossenes Behältnis, in dem sich zahlreiche beschriebene Notiz-Zettel und Fotos befanden. Auffallend waren dabei besonders zahlreiche, aus verschiedenen Ausweis-Arten entnommene Fotos von Jungen sowie eine kryptische Strich-Liste. Später, nach einer Wohnungsdurchsuchung GARAVITOs, traten auch detaillierte Notizen auf Kalender-Blättern in den Vordergrund. Darin hatte der Täter – wie schon „Vater“ DENKE [10] -- alle Tötungen akribisch, wenngleich teils in verschlüsselter Form, notiert. Diese Auflistungen erscheinen verwunderlich, da Garavito auch heute aus dem Gedächtnis genaueste räumliche und zeitliche Details aller Taten überprüfbar richtig hervorbringen kann (vgl. Abb. N – [seine Zeichnung]). Die Aufzeichnungen sollten vielleicht Trophäen ersetzen, da GARAVITO, abgesehen von Ausweis-Fotos, keine haltbaren Erinnerungsstücke von seinen Tötungen mitnahm.

Durch die Fundstücke aus der Kiste und der Wohnungs-Durchsuchung richtete sich der dringende Tat-Verdacht der vierköpfigen staatsanwaltlichen Ermittler-Gruppe in Armenia gegen GARAVITO. Es war jedoch nur einer anderen, ebenfalls staatsanwaltlichen Ermittler-Gruppe in Villavicencio bekannt, dass GARAVITO dort wegen eines sexuellen Übergriffes gegen ein Kind unter falschem Namen einsaß. Seine Identität wurde erst bei einem gemeinsamen Treffen aller mit dem Fall beschäftigten Dienststellen im Juli 1999 bekannt gegeben. Der Öffentlichkeit blieb diese Information aber noch vorenthalten, um erstens eine ungestörte Aufklärung aller Taten im Hintergrund durchführen zu können und zweitens sowohl den Täter als auch seinen Mit-Insassen nicht Anlass zu unüberlegten Handlungen zu geben. Derweil wurde GARAVITOs Blut-Gruppe, sein Zahn-Status sowie aus den Akten die Kranken-Geschichte ermittelt.

Am 28./29. Oktober 1999 erfolgte nach einer Konfrontation des Täters mit Beweismitteln des bis dahin unter falschem Namen und wegen versuchten sexuellen Missbrauchs eines Kindes Einsitzenden eine erste Einlassung GARAVITOs, in der er Gott und die Menschen um Verzeihung bat und auch Angaben zu den Taten mache, die er im Verlauf der kommenden Monate und Jahre weiter ergänzte. Dabei zeigte sich, dass GARAVITO seit 1992 mit Sicherheit über 200 Tötungen von Jungen und in den Jahren davor zahlreiche sexuelle Übergriffe, ebenfalls an Jungen, begangen hatte. Dies brachte ihm den Namen „La Bestia“ (Die Bestie) ein – eine weitere Parallele zu Jürgen Bartsch, der diesen Begriff in Briefen gelegentlich halb scherzhaft auf sich selbst anwandte [2].

Teil II: Rechtliche und strukturelle Aspekte

3. Ermittlungsarbeiten, Behördenstruktur

Der Ermittlungskörper der kolumbianischen Staatsanwaltschaften vereint aus hiesiger Sicht Aspekte des amerikanischen und des deutschen Systems. Zum einen verfügt die kolumbianische Staatsanwaltschaft über eigene Ermittlungsbeamte unter der Bezeichnung C.T.I. (Cuerpo Técnico de Investigación), bei denen es sich zwar nicht um Polizei-Beamte handelt, die aber auf Weisung des zuständigen Staatsanwalts und erforderlichenfalls mit richterlicher Legitimation Polizeigewalt ausüben können. Ähnlich dem aus Deutschland bekannten System kann sich die Staatsanwaltschaft zusätzlich oder alternativ bestimmter Beamter aus dem staatlichen Polizei-Apparat (Policia Nacional einschließlich der ihr zugeordneten Ermittlungseinheit S.I.J.I.N.) sowie der Migrations-Polizei D.A.S., die auch – teils geheimdienstliche – Aufgaben der inneren Sicherheit wahrnimmt und anderer in der Strafprozessordnung (vgl. Art. 311 ff. Codigo de Procedimiento Penal) festgelegter, staatlicher Institutionen bedienen. Diese werden in ihrer Funktion als Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft (Policia Judicial) im Einzelfall mit Ermittlungs-Aufgaben betraut.

Die Ermittlungskompetenz jedes einzelnen Staatsanwalts erstreckt sich grundsätzlich auf das ganze Land. Für die Gerichtszuständigkeit gilt indes das Tatortprinzip. Dies gibt dem leitenden Beamten der kolumbianischen Staatsanwaltschaften (Fiscal General de la Nación) die rechtliche Handhabe, Ermittlungskompetenzen einzelnen Staatsanwälten zuzuweisen oder Ermittlungen, wie auch im Fall Luis Alfredo GARAVITO CUBILLOS, bei einer konkreten Staatsanwaltschaft zusammenzuziehen.

Im Fall GARAVITO führte dies dazu, die Ermittlungskompetenzen bei der Staatsanwaltschaft in Armenia, der Geburtsregion des Hauptverdächtigen zusammenzuziehen, in der zudem etliche Kinderleichen gefunden worden waren. Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass die Ermittlungsbehörden verschiedener Regionen des Landes, nachdem das Phänomen als spektakulärer und landesweiter Serienmord erkannt worden war, in eine Art kontraproduktiven Wettbewerb zueinander getreten sind, der den Austausch relevanter Informationen teilweise behindert hat.

4. Rechtliche Aspekte und verfahrensrechtliche Perspektiven

Verfahrensrechtlich ist der Fall GARAVITO schon deshalb nicht vollständig abgeschlossen, weil die noch andauernden staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und Ergänzungen des Geständnisses durch den Täter selbst, fortwährend zur Aufdeckung weiterer Tötungen von Kindern führen. Es liegen bislang Verurteilungen in 160 Fällen vor, die sich auf insgesamt 70 Schuldsprüche aufteilen. Dennoch musste sich der Täter keiner Hauptverhandlung stellen, was auf einer Besonderheit der kolumbianischen Strafprozessordnung beruht. Ähnlich dem in Deutschland bekannten Strafbefehlsverfahren (§§ 407 ff. StPO), dass es der Staatsanwaltschaft bei einfach gelagerten Sachverhalten ermöglicht, einen dem Urteil gleichwertigen Strafausspruch ohne Hauptverhandlung durch den Richter herbeizuführen, kann in Kolumbien die Staatsanwaltschaft (Fiscalia) unmittelbar auf ein richterliches Urteil hinwirken (sentencia anticipada, vgl. Art. 40 Código de Procedimiento Penal). Dieses Verfahren, dass in Deutschland nur im Bereich von Vergehen Anwendung findet und zudem eine maximale Freiheitsstrafe von einem Jahr ermöglicht, ist in Kolumbien derartigen Begrenzungen nicht unterworfen. Es kommt daher regelmäßig dann zur Anwendung, wenn der Täter, wie im vorliegenden Fall, ein glaubhaftes Geständnis abgelegt hat und die Durchführung einer Hauptverhandlung zur Aufklärung des Sachverhaltes nicht erforderlich erscheint. Im Fall GARAVITO kam hinzu, dass der Täter aufgrund des großen Medien-Interesses und seiner erheblichen Sorge um die eigene Sicherheit ein massives Interesse daran hatte, sich keiner öffentlichen Hauptverhandlung stellen zu müssen. Praktisch führt dies dazu, dass die Urteile sukzessiv und fortwährend in dem Masse gefällt werden, wie es, insbesondere aufgrund neuer Geständnisse, zur Aufklärung weitere Taten kommt.

Die Verurteilung zu einer lebenslangen Haftstrafe im dem Sinne einer tatsächlichen Haft bis zum Todes des Täters ist im kolumbianischen Strafrecht nicht vorgesehen. Der im Falle eines schweren Mordes (asesinato agravado) vorgesehene Strafrahmen beträgt nach der letzten Strafrechtsreform aus dem Jahr 2000 (s.u.), die teilweise rückwirkend auf GARAVITO Anwendung findet, 25 bis 40 Jahre Haft. Im Falle von Tatmehrheit sieht das kolumbianische Strafrecht die Addition der einzelnen verwirkten Haft-Strafen vor, die sich im vorliegenden Fall auf mittlerweile mehr als 2600 Jahre summieren. Indes begrenzt das kolumbianische Strafgesetzbuch (Art. 37.1 Código Penal) die tatsächliche maximale Haftdauer auf 40 Jahre [5,6].

Seit seiner Überführung im Jahre 1999 zeigt sich GARAVITO in überdurchschnittlichem Maße engagiert, an der Aufklärung der von ihm begangenen Morde mitzuwirken. Dies führt einerseits zu Milderungen in den gegen ihn ergangenen Urteilen, zum anderen sieht das kolumbianische Recht bei guter Führung des Gefangenen die vorzeitige Haftentlassung vor. Da die Führung des Täters in der Haft vorbildlich ist, erscheint eine Haft-Entlassung, möglicherweise bereits in einigen Jahren, durchaus nicht abwegig. Auch eine Sicherungsverwahrung des Täters kommt aus derzeitiger Sicht nicht in Betracht. Ursprünglich schied ein Sicherungsverfahren gegen den Täter deshalb aus, weil die psychiatrischen Gutachten zur Feststellung der vollen Schuldfähigkeit gelangten. Ferner sind die Möglichkeiten einer geschlossenen psychiatrischen Sicherungsverwahrung in Kolumbien praktisch nicht gegeben.

a) Haftsituation (Rechte)
Luis Alfredo GARAVITO CUBILLOS befindet sich als Strafgefangener in einer gleichsam privilegierten Situation. Ihm ist eine Einzelzelle unmittelbar im Eingangsbereich des Gefängnisses von Villavicencio zugewiesen, der zum Verwaltungsbereich gehört und vom eigentlichen Gefangenen-Bereich daher völlig abgetrennt ist. Ein ursprünglicher Lagerraum, der für die Unterbringung von Strafgefangenen zunächst nicht vorgesehen war, wurde dazu als Gefängniszelle nutzbar gemacht. Ein Kontakt mit anderen Strafgefangenen wird dadurch unterbunden. Es wird allgemein angenommen, dass ein unmittelbarer Kontakt mit anderen Strafgefangenen ohne weiteres zur Tötung GARAVITOs führen würde. Durch Gardinen vor den Gitterstäben des Zellenfensters ist der Gefangene auch vor den Blicken der Gefängnisbesucher geschützt, die den Verwaltungsbereich zwangsläufig passieren. Die Unterbringung und Behandlung des Gefangenen ist gut und muss in Anbetracht der Verhältnisse im Land als human bezeichnet werden. Der Hass, der in der Bevölkerung gegen GARAVITO besteht, spiegelt sich im Verhältnis des Gefängnispersonals zum Täter nicht wieder. Der Umgang des Gefängnispersonals ist nahezu zuvorkommend. Der auffallend souveräne, angstfreie Umgang GARAVITOs mit dem Wachpersonal weist darauf hin, dass der gute und aggressionsfreie Umgang mit dem Täter nicht nur auf den Besuch ausländischer Wissenschaftler zurückzuführen war.

GARAVITO steht in engem Kontakt mit den staatsanwaltschaftlichen Ermittlern aus Armenia. Da er massiv an der Aufklärung der von ihm begangenen Taten mitwirkt, indem er etwa exakte Tatort- und Opferbeschreibungen liefert bzw. Tatortskizzen für die Ermittler anfertigt, erhält er jederzeit die Möglichkeit, telefonisch mit der Staatsanwaltschaft Kontakt aufzunehmen. GARAVITO entscheidet frei über die Besuchs-Erlaubnisse von Wissenschaftlern oder Journalisten, die er im Regelfall verweigert. Andererseits werden auf seinen Wunsch aber auch Besuchs-Erlaubnisse ohne weitere Schwierigkeiten ausgestellt.
b) Pädophilie als gesellschaftliche Erscheinung
Das Phänomen homosexueller und pädophiler Serienmörder beschränkt sich in Kolumbien nicht allein auf den Fall Luis Alfredo GARAVITO CUBILLOS. In der Stadt Pereira befindet sich wegen vergleichbarer Delikte und Tötungen von Kindern in mehr als 30 Fällen ein kolumbianischer Staatsbürger unter dem vom Publikum vergebenen Alias „Pedro Pechuga“ (pecho = spanisch für „Thorax“; in Anspielung auf die Öffnung desselben durch den Täter) in Haft. Derzeit flüchtig ist ein weiterer Serienmörder mit derselben Opfertypologie, dem derzeit 7 Tötungen von Kindern zugerechnet werden.

Pädophile Handlungen müssen sowohl in Kolumbien als auch in anderen lateinamerikanischen Staaten auch unter einem soziologischen Aspekt betrachtet werden. Die kolumbianische Gesellschaft ist stark patriarchalisch ausgerichtet. Die Rolle von Frauen und die Schutz-Interessen von Kindern sind im internationalen Vergleich unterentwickelt. Hinzu kommt, dass Gewalt und Brutalität das Land in vielen Gegenden prägen und für viele Menschen in Kolumbien eine tägliche Realität darstellen.

Einerseits sieht sich das Land politisch motivierter Gewalt ausgesetzt. Hierzu zählen namentlich die Aktivitäten von Guerilla-Gruppen und so genannte Paramilitärs (ehemals von der Regierung eingesetzte Anti-Guerilla-Truppen), die durch Entführungen, Erpressungen, Schutzgeld-Kriminalität und ihr oft brutales Vorgehen gegen die Bevölkerung unmittelbar auf das Bewusstsein der Menschen einwirken. Hinzu kommt die Straßenkriminalität, die mit oft unverhältnismäßigem Gewalteinsatz in vielen kolumbianischen Städten präsent ist.

Die große Armut großer Bevölkerungsteile (nach Angaben von Terre des Hommes leben von den 17 Millionen Kindern Kolumbiens etwa 39 Prozent in Armut; 17,5 Prozent in absoluter Armut) führt dazu, dass vielfach Kinder ihren eigenen Unterhalt oder den ihrer Familien mit bestreiten müssen. Die Prostitution von Jugendlichen und Kindern ist in Kolumbien eine gängige und bekannte Erscheinung. Es muss angenommen werden, dass der leichte Zugang zu sich prostituierenden Kindern als Sexual-Partnern und dadurch ermöglichte einschlägige Erfahrungen die Hemmschwelle pädophil veranlagter Täter auch für gewaltsame Übergriffe auf Kinder mit sexuellem Hintergrund absenken dürfte.

Die vielfach erlebte Gewalt überträgt sich auch in andere gesellschaftliche Bereiche und in die Familien. Sie führt zusammen mit der gesellschaftlich schwachen Stellung von Frauen und Kindern zu der in Kolumbien hohen Zahl von Vergewaltigungen innerhalb und außerhalb der Familie und nicht zuletzt auch zu inzestuösen und pädophilen Handlungen unter Familien-Angehörigen.

5. Kurze Anmerkungen zum Auftreten des Täters

Garavito veränderte während der Tat-Serie sein Aussehen mit zwar einfachen Mitteln, aber dennoch hoch effektiv, etwa durch Tragen verschiedener Bart- und Kopf-Haar Moden und Mützen. Er ist auf den zahlreichen Fotos, die er gerne von sich anfertigen ließ, oft nur anhand des immer gleichen, roten Brillen-Gestelles aus Plastik wieder zu erkennen. Zugleich übte er zum Geld-Erwerb verschiedenste Berufe aus, meist als Straßenhändler. Da, wie angedeutet, das kolumbianische Meldewesen kaum ausgeprägt ist, gelang ihm, zusammen mit der Veränderung seines Äußeren, seiner extremen Reise-Bereitschaft sowie den nicht vorhandenen DNA-Typisierungen oder -Vergleichen, eine lange anhaltende Tarnung. In vielen Städten lebte er mit allein erziehenden Frauen, die älter als er selbst waren, in vermutlich platonischen Partnerschaften zusammen. Er ernährte die Familien und sendete ihnen auch von seinen Reisen regelmäßig Geld. Um die Kinder der Familien kümmerte er sich vorbildlich und nahm die Vater-Rolle glaubwürdig ein.

Heute bemüht sich GARAVITO, wie auch schon früher, seine Lebens-Umstände und seine Umgebung im Detail vorausschauend planend zu kontrollieren. Dazu kontrastiert sein Unwillen oder Unvermögen, angesprochene Themen länger als einige Minuten zu verfolgen, selbst wenn Sie von ihm selbst angesprochen wurden und ihn offensichtlich interessieren.

Im persönlichen Kontakt ist GARAVITO verbindlich und aufmerksam, gibt sich um das Wohlergehen anderer besorgt und legt großen Wert auf seine einwandfreie Körperpflege. Im Umgang mit Wärtern sowie einer Inhaftierten, von der er keine Gewalttaten fürchtet, ist er freundlich, zugleich aber bestimmt und dominant. „Es ist erstaunlich, wie GARAVITO Stück für Stück das Vertrauen derjenigen gewonnen hat, die ihn umgeben, ebenso wie er es mit jedem seiner Opfer tat, formulierte ein Journalist treffend, dem GARAVITO in der Haft ausnahmsweise ein unangemeldetes Gespräch gewährt hatte [1]. In den wenigen Bereichen, über die er zu sprechen bereit ist, wirkt GARAVITO offen und unverstellt. Tatsächlich wurde er – abgesehen von anfänglichen Falsch-Aussagen in den ersten Vernehmungen und Beschönigungen seiner Ziele – in den Geständnissen auch keiner objektivierbaren Lüge überführt.

Zur Zeit rekonstruiert GARAVITO zusammen mit den Ermittlern der Staatsanwaltschaft weitere Leichenfundorte. Seine Motive dazu sind unklar. Er ist sichtlich erfreut, Interesse an seiner Person festzustellen. Abgesehen davon sind die Ermittler aber der de facto einzige regelmäßige Sozialkontakt GARAVITOs, da die Sozialarbeiterinnen des Gefängnisses je etwa 350 Häftlinge betreuen müssen. Aussagen gegenüber Psychiatern oder Psychologen lehnt er grundsätzlich ab und gestattet fast niemandem Besuche. Es ist vorstellbar, dass GARAVITO durch seine demonstrative Kooperation mit den Ermittlern eine mögliche Entlassung noch weiter vorantreiben will – die dritte deutliche Ähnlichkeit zum Fall BARTSCH.

GARAVITO behauptete den Autoren gegenüber ungefragt, seine Tötungs-Serie in Freiheit nicht weiterzuführen; er sei nun mit sich Reinen. Angesichts des völligen Fehlens auch nur elementarster Therapie und einer nicht im Geringsten erkennbaren Reflexion seiner Tat-Motive erscheint diese Aussage schwer glaubhaft.

Seine sonstigen Interessen gelten dem Welt-Geschehen (anhand eines Fernsehers, dabei insbesondere Katastrophen wie Flugzeug-Abstürzen), anderen Serien-Tätern sowie Informationen über Übergriffe auf Kinder, die ihn angeblich betroffen machen. Während der Ermittlungen schilderte GARAVITO in ähnlich ambivalenter Form glaubhaft Mitleid mit einem von ihm misshandelten Kind, das während der Tat einen früheren sexuellen Missbrauch andeutete. Dies hinderte ihn aber nicht, die Tat-Abfolge einschließlich Tötung zu vollenden.

Detaillierte Untersuchungen zur Persönlichkeit, Lebens- und Krankengeschichte -- darunter überstarker Alkohol-Konsum und Stimmungs-Schwankungen -- GARAVITOs stehen teils noch aus und müssen daher zu späterer Zeit und an anderer Stelle erfolgen.

Literatur

[1] Aranguren Molina M (2002) 192 Ninos Asesinados. Oveja Negra, Bogota
[2] Bartsch J (1973-1976) Briefe (unveröffentlicht)
[3] Bauer G (1969) Jürgen Bartsch. Ein Bericht über den vierfachen Knabenmörder. Arch Kriminol 144:61-91
[4] Benecke M, Zabeck A (2002) Homosexual pedophile serial killer Jürgen Bartsch (1946-1976). 16th Meeting of the International Association of Forensic Sciences, Montpellier, 2.-7. Sept. 2002
[5] Código Penal de Colombia, zuletzt geändert durch Ley 599 vom 24. Juli 2000
[6] Código de Procedimiento Penal de Colombia, zuletzt geändert durch Ley 600 vom 24. Juli 2000
[7] Fink P (2001) Immer wieder töten. Serienmörder und das Erstellen von Täterprofilen. Dt. Polizeiliteratur, Hilden (2001)
[8] Helmer R, Schimmler J, Rieger J. [Value of skull identification as evidence using a superimposed video image technic with reference to individual craniometric differences in the human skull.] Z Rechtsmed 102:451-9 (1989)
[9] Patino Umana A, Inst Nacional Med Legal Ciencias Forenses, Bogota, pers. Mitt. (12. Juli 2002)
[10] Pietrusky F (1926) Über kriminelle Leichenzerstückelung. Der Fall Denke. Deutsche Zeitschrift für die gesamte gerichtliche Medizin 8:703-26.
[11] Zabeck A, Benecke M (2002) Juridical aspects of the trials against serial killer Jürgen Bartsch. 16th Meeting of the International Association of Forensic Sciences, Montpellier, 2.-7. Sept. 2002

Danksagungen

Die meisten an dieser Untersuchung beteiligten Personen möchten und können wegen der gespannten politischen Lage vor Ort weder namentlich noch in ihrer beruflichen Funktion genannt werden. Besonderer Dank gilt den staatsanwaltschaftlichen Ermittlern aus dem Bezirk Armenia, besonders Harold Mauricio SANCHEZ HERNANDEZ und Aluaro VIVAS BOTERO, den Mitarbeiten des Gefängnisses Villavicencio, besonders der Sozial-Arbeiterin Amira SIERRA RODRIGUEZ für ihre Vermittlungshilfe, sowie Luis Alfredo GARAVITO CUBILLOS für seine mehrjährige Kommunikations-Bereitschaft mit den Autoren.

Abbildungen

Abb. 1
Eine der vom Täter bevorzugten, hügelwärts gelegen Geländeformen mit hohem Bewuchs. Lage außerhalb, aber immer noch im weiteren Einzugsgebiet der Orte, aus denen die Kinder entführt wurden. Hier: Leichenfundort nahe Villavicencio, nahe der Stelle der Gefangennahme GARAVITOs. (Foto: Benecke)

Abb. 2
Ausschnitt aus dem Bewegungsbild des Täters. Insgesamt eher ungeordnetes Reiseverhalten, dabei aber zeitweises Innehalten, das mit oft mehrfachem Töten an ein- und derselben Stelle einherging („Abarbeiten“ eines Tötungsplatz in Form von Sektoren).

Abb. 3
Aus dem Gedächtnis rekonstruierte, korrekte Fundort-Wiedergabe-Skizze des Täters, erstellt für die staatsanwaltschaftlichen Ermittler. Aus [1].

Korrespondierender Autor


Mark Benecke, Ph.D., Certified & Sworn In Forensic Biologist, International Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, 50520 Cologne, Germany; E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com, Text / SMS only +49-173-287-3136.