1999-08-15 Express: Wenn die Made den Mörder überführt
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Wenn die Made den Mörder überführt
Von Jobst Lüdeking. Fotos von Guido Ohlenborsel (Fotos nur im Original)Aus: Express, 15. August 1999, Seite 43
Unter dem Mikroskop: metallisch glänzende Flügel, winzige Haare,
Hunderte Augen -- eine gewöhnliche Schmeißfliege. Gewöhnlich? Nicht für
Dr. Mark Benecke. Für den Kriminalbiologen ist das vergrößerte Insekt Schlüssel zur Lösung von Mordfällen.
Fliegen, Käfer, Maden -- der junge Kölner macht sie zu Zeugen in
Prozessen. Der 28-jährige ist ein weltweit gefragter Experte für
mysteriöse Verbrechen. "Nach dem Tod eines Lebewesens wird der
verwesende Körper nacheinander von verschiedenen Insekten bevölkert",
erklärt Benecke. "Daraus lassen sich Schlüsse auf Todeszeitpunkt und
-ort ziehen. Und es läßt sich feststellen, wie lange der Tote wo
gelegen hat."
Der Tod -- für Benecke ist er Alltag. "Man gewöhnt sich an den Geruch,
konzentriert sich nur auf seine Arbeit." Zwei Jahre ermittelte und
forschte er für die New Yorker Polizei. er analysierte Spuren bei Mord
und Vergewaltigung.
Im New Yorker Stadtteil Harlem brachte ein Gutachten den
Lebensgefährten eines Mordopfers hinter Gitter. Die halbverweste
Frauenleiche war in einem Wohnblock gefunden worden, Der Lebensgefährte
sagten, daß er seine Freundin seit einem Monat nicht besucht habe. er
war jedoch der Einzige, der einen Schlüssel zur Wohnung besaß. Obwohl
die Leiche stark verwest und seit mindestens drei Wochen tot war,
fanden sich aber nur zwölf Tage alte Fliegenmaden.
"Jemand war nach der Tat nochmals im Zimmer. Und als dieser die Tür
öffnete, kamen die Fliegen mit herein." Da es keinen Einbruchspuren
gab, wurde der Lebensgefährte festgenommen. Nur er konnte sich mit dem
Schlüssel Zutritt verschafft haben. Ein Mörder -- überführt durch Maden.
Von New York aus löste der Kölner einen Fall, der ganz Deutschland
bewegte: den des Todes-Pastors Klaus Geyer. Die für Geyer belastenden
Maden hatte man Benecke per Eil-Kurier nach New York geschickt. "Es
ging um die Frage,
wie lange die Frau des Pastors tot war." Als Gerichts-Gutachter
ermittelte er mit hoher Wahrscheinlichkeit den 25. Juni 1997 als
Todestag. Ein Tag, für den Geyer kein Alibi hatte.
Die Zeiten in New York sind für den jungen Wissenschaftler längst
vorbei. Zur Zeit forscht er wieder in Köln an der Kerpener Straße, im
Institut für Zoologie. "Ich versuche, ein Zentrum für Kriminal-Biologie
aufzubauen. Mal sehen, ob es klappt."
Benecke ermittelt weiterhin in Mordfällen in der Ferne: in der
Schwarzmeer-Stadt Odessa und auf den Philippinen. Auch im Kosovo soll
er demnächst tätig werden, Verbrechen aufklären. "Meistens werden die
Proben mir zugeschickt."
Wie arbeitet der Forscher? Das Zwölf-Quadratmeter-Büro ist vollgepackt
mit Literatur und Fotos von gelösten Fällen. Daneben Gläschen mit
Beweisstücken: In Alkohol eingelegte Fliegenmaden. Auf einem
Schreibtisch eine Keksdose. Es stinkt bestialisch, als er sie öffnet --
lebende Maden, die sich an zwei Stückchen Fleisch gütlich tun. "Ich
will sehen, wie schnell sie wachsen, welcher Art sie angehören. Dadurch
kann ich feststellen, wie alt die Tiere waren, die bei der Leiche
gefunden wurden..."
Fürs Private bleibt wenige Zeit. "Ich lese kaum Zeitung, habe keinen
Fernseher", bekennt er offen. Dafür arbeitet Benecke an einem neuen
Buch. Kriminalbiologe wird es heißen.
(c) EXPRESS. Keine Gewähr für den Inhalt.
Mark Benecke, Ph.D., Certified & Sworn In Forensic Biologist, International Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, 50520 Cologne, Germany; E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com, Text / SMS only +49-173-287-3136.