1999-09-26 DGRM: Body Modification

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Quelle: Poster, 78. Jahrestagung Dt. Gesellschaft für Rechtsmedizin (DGRM)

Body Modification: Freiwillige massive Selbstbeschädigung im Kontext einer modernen westlichen Jugendsubkultur

von Mark Benecke

Poster auf der 78. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin, Frankfurt/Main, 26.-29. September 1999; die im Poster dargestellten Bilder sind hier nicht wiedergegeben.

Einleitung
Wir berichten hier erstmalig über freiwillige, massive Selbstbeschädigungen, die aus einem in der Obduktionsroutine schwer erkennbaren Kontext stammen, der sogenannten body modification-Jugendsubkultur. Dabei werden unter hygienisch guten Bedingungen (sterile/autoklavierte Werkzeuge usw.) - in den USA fast immer ohne Betäubung - Brandwunden, großflächige Schnitte, Tätowierungen, subcutane Materialinsertionen sowie Piercings mit erheblichen Gewebestreckungen durchgeführt. Die Eingriffe sind fast immer dauerhaft und werden von den jugendlichen Kunden oft als Kunstwerke oder Ausdruck persönlicher Freiheit interpretiert. In den USA gibt es bereits eine ernstzunehmende Berufsvereinigung gewerblicher Betreiber von Körperveränderungen. Beobachtungen in deutschen Großstädten weisen darauf hin, daß diese vergleichsweise neue Jugendkultur sich auch in Mitteleuropa etabliert. Weil sich die Szene sowohl in elektronischen als auch in Printmedien ausführlich und leicht erreichbar selbst darstellt, und weil darüberhinaus die ersten großen Zeitschriften das Thema aufgreifen (z.B. TIME Magazine, 13. Sept 1999) sind Nachahmungshandlungen wahrscheinlich. Um eine Abgrenzung der freiwilligen body modifications gegenüber präsuizidalen, religiös motivierten oder fremdbeigebrachten Verletzungen zu ermöglichen, skizzieren wir hier anrißartig die Breite des Feldes.

Fallbeispiel
Die Fülle der im Bildteil dargestellten Einzelfälle kann hier nicht zusammengefaßt werden. Es soll daher ein in seinen Grundzügen typischer Lebenslauf einer New Yorker Frau kurz beleuchtet werden. Die heute 28 Jahre alte S.E. war in einer Mittelschichtumgebung in stabilen Verhältnissen in einer nordwestamerikanischen Stadt mit etwa 1 Million Einwohnern aufgewachsen; der Vater ist als Arbeiter, die Mutter als Hausfrau, ihre zwei älteren Brüder als niedergelassener Allgemeinmediziner und Ingenieur beschäftigt. Ihren Universitätsabschluß (Bachelor, vergleichbar mit dem deutschen Vordiplom) erwarb S.E. in Soziologie, danach zog sie nach Manhattan. Bis Beginn des Jahres 1999 arbeitete sie als Büroangestellte, mittlerweile hat sie diese Betätigung zugunsten eines Türsteherjobs in einem bekannten New Yorker Musikclub aufgegeben. Die Eltern und Brüder mißbilligen die von ihrer Tochter/Schwester vorgenommenen Körperveränderungen stark -- soweit sie diese kennen --, stehen aber im übrigen in normalem familiären Kontakt zu ihr (incl. regelmäßiger Treffen an Feiertagen usf.). Mit Beginn der Pubertät erzeugte S.E. erste dauerhafte Verletzungen, indem sie in ihre Handinnenflächen und unter die Handgelenke kontinuierlich mit aufgebogenen Büroklammeren Linien einkratzte und vertiefte, die schließlich zu noch heute deutlich hervortretenden, ca. 4 cm umfassenden Narbenmustern in Form ineinander verschachtelter Dreiecke führten. Im Alter von 26 Jahren, kurz nach ihrem Umzug nach Manhattan, begann S.E. damit, sich sterile Injektionsnadeln temporär horizontal unter die Haut zu stecken; schon wenig später ließ sie sich von einem Freund bis zu 150 Nadeln an einem Abend dergestalt einführen und wieder entfernen (sog. play piercing). Darüberhinaus ließ S.E. sich an Bauchnabel, Brustwarzen, Labien und Zunge piercen (dauerhaftes Einführen von bis zu 5 mm starken Metallstäben und -ringen). Das Zungepiercing ließ sie ein Jahr später von einem nicht mit ihr bekannten oder befreundeten Chirurgen gegen reguläre Bezahlung per Laser zu einer Längsspaltung der Zunge ausweiten (siehe Abb. Da die Wunde nach drei Wochen von der Basis her wieder zusammenzuwachsen begann, nahm der Operateur die Spaltung im Juni und September 1998 noch zwei weitere Male vor. Andere Körperveränderungen von S.E. bestehen in umfangreichen Tätowierungen, die sich über den gesamten Körper ertrecken, sowie durch Herausschneiden von Hautstreifen erzeugte Narbenmuster, wobei einzelne Narben sich über die gesamte Körperbreite ziehen und eine Strichdicke von bis 7 mm haben. Während einer Sitzung, in der S.E. von einem Freund eine derartige Operation vornehmen ließ, ließ sie sich das aus ihrem Rücken entnommene Gewebe übergeben und aß es ohne spätere gesundheitliche Veränderungen auf. S.E. ist eine im großstädtischen Alltagsleben unauffällige, selbstständige und der Wirklichkeit angepaßt entscheidende und handelnde Person. Ihre Körperveränderungen sind bewußt so angelegt, daß sie mit Kleidung und Haaren einfach überdeckt werden können. S.E. lebt streng veganisch (kein Fleisch, keine Milch- und Eiprodukte) in einer Wohngemeinschaft in einem Manhattener Studenten- und Arbeiterviertel.

Bilder:
Branding -- Einbrennen eines paragraphenartigen ornamentalen Musters (unten im Bild) mit einem glühenden Brandeisen (ohne Betäubung).
Cutting -- Mit einem Laser angefertigtes, feines Schneide-/Verbrennungsmuster. Links: kurz nach der Behandlung, rechts: Hervortreten des endgültigen Musters auf der heilenden Haut.
Piercing -- Zwei Brustwarzenpiercings mit spaßhaft temporär hindurgezogener Fahrradlenkstange
Durch Einspritzung von Kochsalzlösung erzeugtes, rundliches Narbenmuster
Zungenspaltung (Split Tongue) Zustand nach dreiwöchiger Heilung (Person ließ die Spaltung später noch zweimal operativ verlängern)
Vertikale Bildleiste: Unterschiedliche Arten und Ausprägungen von body modifications

Zum Warum
Die Psychodynamik hinter den aktuellen body modifications ist nicht untersucht. Starke Gruppeneffekte, Selbsthinwendung und der Wunsch nach individuellem Auftreten und Abgrenzung sind erkennbar. Es ist auffällig, daß die extreme body modification-Szene -- wie auch andere Jugendsubkulturen -- familienartige Züge trägt, in der es nur ausnehmsweise Einzelgänger gibt.

Einige Zitate aus dem Body Modification E-Zine, das im Internet zu finden ist, sollen das Selbstverständnis der Szene illustrieren:

„Piercings can heal wounds most cannot see.“

„Sometimes - but not very often - people perform body modifications as a symptom of mental illness. It's artists' responsibility to look out for this and overall they do a pretty good job as counselors.“

„As you'd probably guess, people into hardcore body modification are generally more open-minded. But this is a chicken and the egg sort of thing... they go hand-in-hand. One doesn't really cause the other.“

„When asked why piercing the most sensitive body parts is rapidly catching on, I reply bluntly, "It makes fucking better".“

„Fully sleeved tattoo lovers call a tongue piercing "sick". This makes no sense to me. So I do my little bit to raise peoples conciousness, by exposing them to books, magazines and photos they might never come across on their own, we stimulate disscussion and hopefully, understanding. And what really blows me away are the people you would never guess were pierced, cut, branded, tattooed, corseted are often the most ardent enthusiasts. You never can tell. Remember that.“


Literaturhinweise und Details
Benecke M, First report of non-psychotic self-cannibalism (autophagy), tongue splicing and scar patterns (scarification) as an extreme form of cultural body modification in a Western civilization. Am J Forensic Med Pathol 20:281-285

Danksagung
Ohne die Hilfe meiner New Yorker Freunde SE, Keith Alexander (gest. 2005) und Chris wären die Nachforschungen zur Body Modification-Szene nicht möglich gewesen. Ich danke allen Informanten sehr für Ihre Bereitschaft zur offenen Diskussion. Teile der hier gezeigten Bilder stammen aus dem Body Modification E-Zine.


Mark Benecke, Ph.D., Certified & Sworn In Forensic Biologist, International Forensic Research & Consulting, Postfach 250411, 50520 Cologne, Germany; E-Mail: forensic@benecke.com, www.benecke.com, Text / SMS only +49-173-287-3136.